Tanz auf der Mattscheibe? Da geht einem doch die sinnliche Körperlichkeit ab! Stimmt. Corona-bedingt ist Münchens 17. Dance-Biennale (bis 16. Mai) jedoch zu einer rein digitalen Ausgabe gezwungen. Fakt ist aber auch: Direkt am Bildschirm sieht man besser. Zum Auftakt schickte der Belgier Jan Martens aus dem (leeren!) Brüsseler Concertgebouw seine Uraufführung „Jeder Versuch führt zu zermalmten Körpern und gebrochenen Knochen“, eine sehr persönliche Bewegungsgestaltung über politisches Aufbegehren. Der Amerikaner Richard Siegal, von München mit der Optionsförderung bedacht, sendete vom Kölner Schauspiel, seiner aktuellen Wirkstätte, „Two for the Show“, ein postmodernes Hybrid aus Tanz und digitalen Abzweigungen.
Beide Stücke, in der Form grundsätzlich verschieden, bilden Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz ab. Martens signalisiert in dieser Zusammenarbeit mit der Berliner Dance-on-Truppe für Tänzerinnen und Tänzer ab 40, dass der alternde Mensch tanzfähig bleiben kann. Auf der milchig grauweiß ausgeleuchteten Bühne, die keine Hautfalte wegdunkelt, wirkt das Ensemble zwischen 16 und 69 Jahren denn auch völlig selbstverständlich. Dies zum einen, zum anderen ist diese Kreation eine Art politisches Manifest, formal das Gegenteil vom grellen Polit-Tanztheater eines Johann Kresnik (1939-2019). Martens knüpft hier an den ästhetisch-puristischen Minimalismus der US-postmodernen Lucinda Childs an, die ebenfalls heuer bei Dance vertreten ist.
Seine Choreografie entfaltet sich großzügig über die Bühne hinweg mit Gehen, Marschieren, Liegen, Laufen, und zwar in ständig sich ändernden Formationen: von Kolonne zu Pulk, zu Kreis, zu sich durchkreuzender Reihe. Von hoch oben gefilmt, enthüllen sich diese Arrangements als spielerisch komplexes, in Martens’ spröd-kämpferischem Kontext fast zu schönes Bewegungskaleidoskop. Frontal drauf schauend wird man gleichsam hypnotisch hineingezogen in diese stumme Revolte, die sich über die 17 Körper mitteilt, in all ihren starren und gekrümmten Haltungen und im wilden Wühlen der Arme.
Wenn bei Martens das Geschehen zum großen Teil angetrieben wird von Henryk Góreckis Konzert für Cembalo und Streichorchester, dann sind es bei Siegal rhythmisierte Klangströme von Lorenzo Hoesch und Markus Popp. Bei Siegal, der schon vor Corona mit Internet-Formaten experimentiert hat, kann der Zuschauer nun nach eigener Wahl hin- und herklicken zwischen drei Streams. Der gewählte Stream erscheint als Vollbild, die anderen bleiben in Kleinformat sichtbar. Dort übernimmt nach einigen Sequenzen ein Game-Master das Kommando. Und man kann sich einloggen zum Chat mit anderen Zuschauern.
Hallo, wir sind im digitalen Zeitalter angekommen! Der Homo sapiens lebt seinen Alltag nur noch im Multitasking-Rhythmus: Programm-Hopping, News teilen, chatten, daddeln, Videogaming bei gleichzeitigem Verzehr eines angelieferten Asia-Menüs. Tolle oder trübe Perspektiven? Siegal konnte schon als Tänzer beim großen William Forsythe sein Gespür für postmodern Neues trainieren. Aber jetzt erst mal zurück zu Stream I, in dem seine phänomenalen Tänzer in hinreißend futuristischen Harlekinkostümen immer wieder durch das Halbrund einer Lichtröhren-Arena flitzen – faszinierend gestochen ihre Pirouetten, Arabesken und Grands Jetés – und uns obendrein in den Kulissen einen Blick in ihre co-kreative Probenarbeit gewähren. „Ballett digital“, das ist bei Siegal ein Patchwork-Angebot – bunt und zukunftsträchtig.
Infos, Streams, Karten:
www.dance-muenchen.de.