Hass, Hatz und Hilfe

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG  Christoph Heins arg didaktischer Roman „Guldenberg“ kommt heute heraus

VON SABINE DULTZ

„Drei Pils, drei Kurze!“ Standardansage in der Stammkneipe der Honoratioren von Guldenberg. Drei Männer, die es geschafft haben. Honorige Provinz-Unternehmer der mittleren Kategorie, die sich regelmäßig zum Skat treffen. Bevor es mit 18, 20, 22 …, mit Grand und Null Ouvert losgeht, reizen die Herren sich erst einmal mit anderen Tatsachen in Stimmung, mit lokalpolitischem Klatsch und Tratsch aus ihrer Stadt, die ein Kurbad ist und an der idyllischen Mulde liegt. So wie bei Hochwasser das Flüsschen zum reißenden Strom werden und alles hinwegspülen kann, so entpuppen sich die biederen Guldenberger unter besonderen Umständen als eine Meute, die auf Menschenjagd geht. Und trotzdem von sich behauptet: „Wir sind ja hier nicht bei den Wilden.“

Christoph Hein (Foto: Jens Kalaene/dpa) hat mit seinem neuen Roman der Stadt seiner Kindheit und Jugend, dem sächsischen Bad Düben, dem er den fiktiven Namen Guldenberg verpasst hat, wieder einmal ein widersprüchliches, gar zwielichtiges Gesicht gegeben. Im Ankündigungstext seines Verlags heißt es, er zeichne das „Sittengemälde einer Gesellschaft, die aus den Fugen gerät“. Wodurch? Durch die Wende 1989? Die Einführung des Kapitalismus? Oder doch eher durch die Ankunft von zwölf jugendlichen Migranten aus Syrien, Afghanistan und dem Libanon? An dieser Tatsache nämlich entzündet sich die Empörung der scheinbar Friedfertigen. Es bricht all das wieder auf, was diese braven Bürger schon immer ausgemacht hat: Anpassung, Neid und Hass. In der Nazi-Diktatur wie in der DDR. Sie glauben, Opfer zu sein, und werden zu Tätern. Im Denken, Hetzen und Handeln.

Christoph Hein befindet sich thematisch auf der Höhe unserer Zeit. Wie auf einem Schachbrett schiebt er exemplarisch die verschiedenen Typen des Städtchens übers literarische Spielfeld: den hilfreichen katholischen Pfarrer, den sozialdemokratischen Bürgermeister, den karrierebewussten Gemeinderat und Kirchenvorstand, den Industriellen mit der Extra-Baugenehmigung im Naturschutzgebiet, die lebensnahe alte Frau, die nachts mit den Verstorbenen spricht, die schwangere 15-Jährige, die mit der Lüge von einer Vergewaltigung die traumatisierten Flüchtlingsjungen unter Verdacht stellt, die jungen Frauen im Alten Seglerheim, die hier die minderjährigen Migranten engagiert betreuen. Und dann ist da noch der 95-jährige schuldbeladene Alt-Genosse der SED, den Christoph Hein als Symbol für deren Umgang mit der Vergangenheit taub und dement sein lässt.

Auch kommt indirekt der Autor selbst in seinem Roman zu Wort, wenn er zum Beispiel den Pfarrer fürs Schreiben seiner Predigten auf eine alte Olivetti schwören lässt, weil im Gegensatz zum Computer nur sie das langsame und gründliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben garantiere. Oder wenn der Nachkomme schlesischer Flüchtlinge – auch Hein und seine Familie waren aus Schlesien Vertriebene – sich nicht gleichsetzen lassen will mit den Migranten im Guldenberger Seglerheim. Hein lässt nichts aus, jeder gesellschaftliche Widerspruch findet eine Abhandlung, im Guten wie im Bösen. Auf der einen Seite die beherzte Marikke Brummig als Leiterin des Migrantenheims sowie die wissbegierige Fritzi, die den Geschichten ihrer Urgroßmutter lauscht und ihr dabei die Füße wäscht; oder – und hier spielt Hein, nur in umgekehrter Religionszugehörigkeit, dezent auf Lessings Figurenpaar Nathan und Daja an, Malka Goldt, die nicht auf den Mund gefallene Haushälterin des Priesters, die andeutungsweise eine Jüdin ist. Auf der anderen Seite jene, die Brandsätze werfen, Hetzjagden organisieren, Verleumdungen in Umlauf bringen. Christoph Hein hat mit diesem Roman alles richtig gemacht. Er ist perfekt aufgestellt. Gekonnt durchgespielt. Alle Seiten berücksichtigend. Von mustergültiger Korrektheit. Vor allem ist er gut gemeint. Und das ist dann doch sein großes Manko.

Christoph Hein:

„Guldenberg“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 284 Seiten; 23 Euro.

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