Was draufsteht, steckt auch drin: Natürlich geht es in „Trennungsroman“ von Anna Brüggemann um das Ende einer Beziehung. Penibel detailliert und kleinteilig. Doch der in Berlin lebenden Schauspielerin („Renn, wenn du kannst“) und Drehbuchautorin („Kreuzweg“) gelingt in ihrem ersten Roman das Kunststück, das Finale einer langsam sterbenden Liebe nicht nur nachfühlbar und überzeugend darzustellen, sondern auch sehr unterhaltsam. Gerade wegen dieser illusionslosen Genauigkeit, mit der die Figuren wie bei einer Versuchsanordnung mit exakten Datumsangaben beobachtet werden.
Es hat mich erleichtert, als sich herauslesen ließ, dass Sie in „Trennungsroman“ kein eigenes Beziehungs-Aus verarbeitet haben.
Nein, da habe ich keine eigene Trennung eingeflochten. Das würde mir auch nicht in den Sinn kommen, das therapeutische Schreiben. Dafür hat man ja Therapeuten. Ich habe diese Art der Trennung in den vergangenen Jahren einfach sehr oft beobachtet, im Freundes- wie auch im erweiterten Bekanntenkreis. Irgendwann erkannte ich ein Muster, und das fand ich interessant. Ich mag das sowieso, sich so kleinteiliges Pingpong anzugucken, egal, in welchem Bereich. Und eine Trennung bietet sich da natürlich gut an. Ich hatte Lust, eine fein ziselierte zwischenmenschliche Geschichte zu erzählen.
Die Haupthandlung spielt sich vorwiegend in den Köpfen der Personen ab. Sie haben Drehbücher für Filme wie „Kreuzweg“ oder „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ geschrieben. Da geht es doch immer ums Gegenteil, ums Aussprechen aller Gedanken und Emotionen.
Das Drehbuchschreiben war für mich eigentlich mehr Mittel zum Zweck, um mit meinem Bruder zusammenzuarbeiten oder um ein so großartiges Buch wie das von Judith Kerr zu adaptieren. Im Fall von „Trennungsroman“ wollte ich eben einfach mal etwas genauer untersuchen. Ganz fein Hautschicht für Hautschicht abtragen, um bis zum Innersten vorzudringen. Es ist sozusagen die Sezierung einer Trennung.
Welche Art zu schreiben macht Ihnen mehr Spaß?
Das Drehbuchschreiben habe ich tatsächlich nie als meine Berufung empfunden. Ich sehe mich als Künstlerin, egal, worin das dann gerade seinen Ausdruck findet. Mal eben im Spielen, und mal im Schreiben. Beim Spielen fällt es mir bei eher mittelguten Drehbüchern oft schwer, so extreme emotionale Sprünge zu spielen. Da denkt man sich häufig: Wie komme ich jetzt von hier nach dort? Das ist doch eigentlich total unrealistisch, dass man da sofort anfängt zu schreien oder zu weinen. Ich habe mich auch schon oft mit Kolleginnen darüber unterhalten, denen geht es genauso. Da sind doch oft noch ganz viele Zwischenschritte enthalten. Aber die darf man nie spielen. Weil es halt nicht geschrieben und daher nicht gewollt ist. Vielleicht kam daher meine Sehnsucht, einmal etwas wirklich minutiös auseinanderzuklamüsern.
Sie verhalten sich Ihren Figuren gegenüber immer unparteiisch und ausgewogen.
Mir war die Draufsicht auf eine Trennung wichtig. Dabei habe ich gar keine Sympathien, da beschreibe ich ausschließlich. Mir war sehr wichtig, dass die Sympathien nicht allein bei Eva liegen. Was ja immer schnell geht, schließlich wird sie verlassen. Sowohl beim Spielen als auch beim Drehbuchschreiben oder beim Romanschreiben, sogar beim Konsumieren, wenn ich selbst etwas lese oder ansehe, mag ich zwiespältige Figuren. Weil ich immer denke, das ist der ehrlichste Blick. Wir sind alle nicht nur gut oder böse. Deswegen kann keine Figur nur sympathisch oder nur unsympathisch sein.
Alle sind verständnisvoll. Können sich Bildungsbürgerkinder von heute nicht richtig trennen?
Es fällt ihnen zumindest sehr schwer. Zum Selbstbild, das uns die Eltern oder später auch das gesamte Umfeld antrainiert haben, gehört das unbedingte Freundlichsein dazu. Da darf man dann keine gemeinen Sachen sagen und archaischen Urinstinkten nachgeben und sagen: So ist es jetzt eben. Wir wollen einfach immer und überall nett sein und gemocht werden. Von jedem. Und sogar noch bei der Trennung vom Partner. Keiner will sich schuldig machen. Was dieses notwendige Abnabeln aber viel komplizierter macht.
Das Gespräch führte Ulrike Frick.
Anna Brüggemann:
„Trennungsroman“. Ullstein Verlag, München, 411 Seiten; 20 Euro.