Der Soundtrack zum Corona-Ende

von Redaktion

VON MIKE SCHIER

Der Mann kann es gar nicht mehr erwarten. Vor ein paar Tagen hat Jan Delay seine Band Disko No. 1 im Musikclub „Grünspan“ zu St. Pauli zusammengetrommelt, um ein Online-Konzert zu geben. Die Baseball-Kappe und die Sneaker von Nike wurden wieder mit Anzug und Krawatte getauscht. Bläser, Background-Sängerinnen – und unfassbar viel Spaß. Man kann sich das jetzt auf Youtube anschauen und dabei durchs Wohnzimmer tanzen. Besucher waren natürlich nicht vor Ort. Die furchtbar stillen Pausen zwischen den Stücken kann auch der ironische Applaus-Knopf nicht retten. Aber die Musik, die ist großartig

„Ja, es sind finstere Zeiten, aber das muss gar nicht sein. Lass uns die Wolken vertreiben, ich hab’ Sonne dabei“, singt Jan Delay in seinem unverwechselbaren näselnden Tonfall. Trotz Pandemie lässt sich der 45-Jährige die Laune nicht verderben. Warum auch? Finanziell dürfte er das Corona-Loch ohnehin unbeschadet überstehen, schließlich hat er gerade wieder vier erfolgreiche Jahre mit seiner Hip-Hop-Band, den Beginnern, hinter sich.

Seit zwei Jahrzehnten führt Jan Philipp Eißfeldt dieses musikalische Doppelleben. Mit den Beginnern wuchs er seit Anfang der Neunzigerjahre ins Licht der Öffentlichkeit, als deutschsprachiger Rap aus den Jugendhäusern plötzlich die Charts stürmte. Doch weil ihm das nicht genug war, schuf er sich als Jan Delay ein Alter Ego, das schwarze Musik peu à peu ins Deutsche übersetzte. 2001 kam mit „Searching for the Jan Soul Rebels“ eine ebenso rebellische wie musikalische Reggae-Platte. Es folgten die Funk- und Soul-Alben „Mercedes Dance“ und „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“. Jedes ein wenig professioneller und pompöser als der Vorgänger. Plötzlich war der Untergrund-Rapper ein Sänger und Superstar, der 2011 sogar beim Finale des Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf auftrat. (Es folgte dann 2014 noch ein Ausflug ins Rocker-Milieu, über das wir an dieser Stelle besser das Mäntelchen des Schweigens legen.)

Das letzte gute Soloalbum von Jan Delay ist also schon zwölf Jahre her. Das neue heißt „Earth, Wind & Feiern“ und es klingt, als würde sich der Kreis schließen. Eizi Eiz und Jan Delay finden zusammen, wie fast alle ihre musikalischen Einflüsse – vom Rock lässt man Gott sei Dank die Finger. Der alte Funk wird ins moderne Zeitalter übersetzt: Das „Intro“ klingt wie der logische Nachfolger von „Ahnma“, dem Hit der letzten Beginner-Platte. Rap mit Bläsersätzen quasi.

Großartig auch „Eule“ über die Nächte in der Großstadt. „Tagsüber ist das Leben öde / Aber nachts hat sie die Stadt für sich allein / Nur noch ein paar andere schräge Vögel / Und zusammen haben sie ’ne wilde Zeit.“ In Zeiten nächtlicher Ausgangssperren, leerer Konzerthallen und geschlossener Clubs klingt das wie die wehmütige Reminiszenz an bessere Zeiten. Oder der anstehende Aufbruch nach der Doppel-Impfung.

Auch wenn viele der Songs schon vor Corona entstanden: „Earth, Wind & Feiern“ klingt wie der Soundtrack der (hoffentlich) endenden Pandemie. Die Gier nach Leben tropft aus den Zeilen, die mal nach Rap, mal nach Lindenberg klingen. Mitunter wird es recht poppig – das sind nicht die stärksten Momente der Scheibe.

Die ganze Energie wird die Platte ohnehin erst live entfalten. Im Juli gibt Jan Delay zwei (ausverkaufte) Strandkorb-Konzerte in Rosenheim. Bis große Hallen möglich sind, dürfte es dauern. Aber wer die ausgehungerte Band im leeren „Grünspan“ sieht, ahnt: Die Party wird groß!

Jan Delay:

„Earth, Wind & Feiern“ (Universal Music/ Vertigo Berlin).

Im Juli spielt Jan Delay in Rosenheim

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