„Das ist kein Schlächter“

von Redaktion

Regisseur Philipp Arnold über seinen „Macbeth“ fürs Münchner Volkstheater

Wenn am 20. Juni zum letzten Mal der Vorhang im Münchner Volkstheater an der Brienner Straße fällt, schließt er sich über Shakespeares „Tragödie des Macbeth“. Philipp Arnolds Inszenierung ist die letzte Vorstellung im alten Haus, bevor es ab Herbst im Schlachthofviertel-Neubau weitergeht. Was der Berliner Regisseur, Jahrgang 1990, an der umgebauten Siebzigerjahre-Turnhalle mag? „Dass man damals gesagt hat: Okay, da ist zwar dieser riesige Raum, aber den nehmen wir uns, hier spielen wir jetzt Theater!“ Heute Abend die Premiere seiner Produktion.

Die letzte Premiere im alten Volkstheater – ein besonderes Gefühl?

Wir waren ja eigentlich schon im März fertig und konnten dann wegen Corona nicht spielen. Auf dieser Bühne haben so viele Vorstellungen und Proben stattgefunden, es ist dieser Theatergeist darin… Dass wir da jetzt die Letzten sind, die rauskommen, ist toll.

Sie haben in London studiert und gearbeitet. Hat Shakespeare für Sie deshalb eine besondere Bedeutung?

In meinem Theaterstudiengang gab es Shakespeare als Modul, aber ich habe eigentlich immer das gemacht, was kein anderer machen wollte, Performance Art und Live Art. (Lacht.) Bei den Proben zu „Macbeth“ habe ich gemerkt, dass wir mit jedem Lesen, auch nach Wochen noch, neue Gedanken in den Texten finden und uns fragen: Was wollen wir damit sagen? Diese Texte sind wahnsinnig tief, und da ist so eine Grundfeste in den Figuren… Das macht total Spaß, weil man sich viel mit den Spielenden überlegen und in die Figuren legen kann. Und: Bei Shakespeare im Globe Theatre gab es damals noch keine vierte Wand, das Publikum wurde direkt angesprochen. Damit zu arbeiten, mit den Leuten für die Leute zu spielen, und dann auch noch während Corona – das ist ja genau das, was man will!

Wofür stehen die Figuren dieses 400 Jahre alten Stücks?

Ich glaube, dass sie für eine Gesellschaft stehen, die sich nicht mehr im Griff hat und sich selbst abhandenkommt, das aber nicht versteht. Es gibt ja so eine Dualität im Stück: von Wach-Sein/Träumen, Natur/Mensch, Natur/Gesellschaft, Lady Macbeth/Macbeth, Macbeth/Macduff. Es gibt also immer zwei Pole. Macbeth entscheidet sich für eine Wahrheit – diese eine Wahrheit gibt es aber gar nicht. Er sagt: Das, was ihn schreckt, ist das gedachte Grauen – seine Gedanken, nicht die Tat. Ich glaube nicht, dass Macbeth dieser große Schlächter ist, der böse geboren wurde und gewissenlos alles niedermetzelt. Ich glaube, das ist ein intelligenter, bedachter, reflektierender Typ, der Erlösung sucht, einen letzten Mord, der ihn aus seiner albtraumhaften Realität herausholt.

Die Fotos zeigen eine ziemlich schwarze Inszenierung – eine Hölle?

Die Welt, in der Macbeth lebt, in die er hineingeworfen und durch die er sozialisiert wurde, ist eine ziemlich düstere. Ich glaube aber, dass den Figuren überhaupt nicht bewusst ist, dass sie in einer Gesellschaft leben, die eigentlich ein Totentanz ist und mit hundert Stundenkilometern gegen eine Wand fährt. Macbeth entscheidet sich für einen Weg – und gibt dadurch seinen Bezug zum Menschsein, zur Realität auf, er verliert sich. Das ist die Tragödie: dass er so getrieben ist, nicht aufhören kann. Er macht weiter bis zum Ende, denn er glaubt immer noch an die „Wahrheit“, die ihm am Anfang des Stückes gesagt wurde – selbst wenn sie auseinanderfällt. In der Vorbereitung vor anderthalb Jahren habe ich im „Spiegel“ einen Artikel über QAnon und Verschwörungstheorien gelesen und dachte: Wahnsinn! Was Shakespeare da beschreibt, dass Macbeth auf diese Theorie, diese vermeintliche Wahrheit der Hexen trifft… eigentlich hat Shakespeare QAnon erfunden!

Denken Sie, dass die Pandemie Ihre Arbeit – Themen, Assoziationen, Stil – verändert hat?

Man bezieht manche Texte jetzt einfach automatisch auf Covid – obwohl sie gar nicht so explizit inszeniert oder von Shakespeare so gemeint sind. Natürlich versucht man damit umzugehen, dass die Spielenden sich nicht nahekommen dürfen. Und dadurch erzählt sich dann wieder etwas anderes. Es entsteht viel Neues daraus.

Das Gespräch führte Teresa Grenzmann.

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