Früh aufstehen, rausgehen und den Vögeln lauschen: Anlass dafür ist der „Dawn Chorus“, initiiert vom bayerischen Naturkundemuseum Biotopia und der Stiftung Kunst und Natur. Im Rahmen des Projekts werden noch bis 31. Mai Aufnahmen von morgendlichem Vogelgezwitscher gesammelt – und das auf der ganzen Welt. Mithilfe einer App kann man ganz einfach eigene Aufnahmen erstellen und am „Dawn Chorus“ teilnehmen.
Alle Dateien finden Eingang in eine wissenschaftliche Sammlung für die Biodiversitätsforschung.
Bereits vergangenen Frühling fand das Projekt zum ersten Mal statt. Neu ist nun jedoch die künstlerische Komponente: Mika Johnson und Marcel Karnapke haben das Medienkunst-Feature „Sonic Feather“, also Klangfeder, entwickelt, das Vogelzwitschern in einzigartige visuelle Werke verwandelt. „Dieses Projekt knüpft an frühere Arbeiten an, da wir bereits seit einigen Jahren virtuelle Realität und hochentwickelte 3D-Laserscanning-Geräte einsetzen, um Geschichten über die Natur zu erzählen“, sagt Johnson im Gespräch mit unserer Zeitung.
Diesmal hatten sie das Ziel, dass „Menschen Vogelstimmen aus einer anderen Perspektive erleben können“. Die App ist leicht zu bedienen, das Schwierigste am „Dawn Chorus“ ist tatsächlich das frühe Aufstehen. Zunächst nimmt man eine Minute lang das Gezwitscher auf, im nächsten Schritt sind einige Fragen zur Aufnahmesituation zu beantworten: Welches Habitat? Welche Uhrzeit? Welches Wetter? Bei der Frage, um welche Vogelart es sich handelt, kann man peinlich berührt auf „Weiter“ klicken. Anschließend ist es möglich, ein Foto von der Umgebung aufzunehmen, das als Leinwand dient. Bei erneutem Abspielen der Vogelstimmen werden durch Berühren des Displays grafische Spuren erzeugt. Klingt kompliziert, ist es aber nicht.
Doch wie entstehen die Muster? „Es wird zwar kein bestimmter Vogel identifiziert, aber die Reproduktion spiegelt das natürliche Frequenzspektrum eines jeden Vogels wider“, erklärt Johnson. Und tatsächlich merkt man: Je kräftiger die Vogelstimme, desto dicker die Zeichnung. Schnell fällt außerdem auf, dass die Muster symmetrisch, ja fast Mandala-artig auf dem Bildschirm erscheinen und knallbunt sind. „Symmetrie ist die Sprache der Natur. Die Farben ähneln dem Himmel, der Erde und anderen natürlichen Elementen, auch wenn sie in ihrer Helligkeit übertrieben sind“, erklärt Johnson. Bewusst wollten beide Kontraste zu den Hintergründen schaffen. Aber wer ist denn jetzt der Künstler oder die Künstlerin: Johnson und Karnapke, die App-Benutzer und -Benutzerinnen oder die Vögel? „Letztlich gefällt uns der Gedanke, dass Kunst und Künstler überall sind, auch in der Natur, und dass jedes Teil des Puzzles eine wichtige Rolle spielt.“ Also alle – klingt fair!
Nachdem man die App benutzt hat, spitzt man bewusster die Ohren und lauscht. Wie muss das für Johnson und Karnapke sein, die den Winter über mit der Entwicklung beschäftigt waren? „Wir hörten auf, ihre Lieder für selbstverständlich zu halten. Wir hörten mehr zu. Wir begannen zu erkennen, dass Vögel in unserer Umgebung eingebettet sind. Als wir anfingen, mit dem ,Sonic Feather‘-Prototyp zu arbeiten, fingen wir auch an, Vogelstimmen als Muster zu hören, und fragten uns manchmal sogar, wie sie wohl aussehen würden, wenn sie auf einer Leinwand wiedergegeben würden“, erinnert sich Johnson. Die Aufnahmen und Kunstwerke kann man übrigens entweder via App oder auf dawn-chorus.org hören und bestaunen.