„Trau dich!“ ist ein Spiel, bei dem Teenager an ihre Grenzen gehen. Traust du dich, halb nackt an einer Tür zu klingeln? Oder dem Referendar, der die Klassenfahrt nach Polen betreut, zu gestehen, dass du verliebt in ihn bist? Oder gar den besten Freund zu küssen, ihm dabei ganz bewusst das Herz zu brechen und das vor den Kulissen der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz?
Ratte (Bernadette Leopold), Alex (Amélie Althaus) und Paul (Samuel Müller), ein eingeschworenes Trio, trauen sich. Angefeuert werden sie von Johnny, dem coolen Junglehrer, der Schule „anders“ gestalten will, niemanden zwingt, Texte vorzutragen, von den Schülern geduzt wird und gern Paul Celans „Todesfuge“ zitiert. Auschwitz statt Toskana ist sein Ausflugsprogramm und die Grausamkeit der Nazis zu erspüren, statt darüber belehrt zu werden. Die Schüler genießen das und reißen dabei tatsächlich Mauern ein – nicht immer fähig, mit den daraus entstehenden Trümmern umzugehen.
Lena Gorelik hat in ihren erfolgreichen Jugendroman „Mehr Schwarz als Lila“ eine Menge hineingepackt. Die Frage nach der Definition von Freundschaft und Liebe, die richtige Distanz zwischen Pädagogen und ihren Schützlingen, die Relevanz von Kunst an sich und den sinnvollen Umgang mit dem Holocaust – alles ist dabei. Als Schullektüre also ein gefundenes Fressen für jeden engagierten Deutschlehrer.
Auf der Bühne des Marstalls jedoch, für die die Münchnerin ihren Text umgeschrieben hat, damit ihn der Jugendclub „Xtra“ uraufführen kann, sind das zu viele Ansätze, um sich allen wirklich tiefgehend zu widmen. Das ist umso bedauerlicher, weil sich nicht nur mit dem Profi Camill Jammal als Lehrer Johnny, sondern vor allem mit den acht Jungdarstellern des „Xtra“ geballte Spielfreude breitmacht. Hier wird zwischen, auf und über den Tischen, die mal Klassenzimmer, mal Bühne oder Seeufer sind (genial durchdacht von Regisseurin und Bühnenbildnerin Daniela Kranz), gesprungen, getanzt, gesungen, deklamiert und diskutiert, gelacht und gestritten, gespielt und provoziert, geschlagen und geküsst. Eine Szene wechselt übergangslos zur nächsten, Live-Videos projizieren Bilder an zwei gegenüberliegende Tafeln und vergrößern Emotionen und Gesichter.
Das beeindruckt und reißt mit, berührt in kleinen Momenten wie dem hilflosen Stammeln der Eindrücke, die Auschwitz bei den Jugendlichen hinterlässt, und unterhält, gestützt durch ein gelungenes Gesamtpaket aus passenden Kostümen (Anna Gillis), klug eingesetztem Licht (Stephan Willaredt) und live gespielter Musik (Camill Jammal). Leider bleibt manches, das durchaus Potenzial für mehr Tiefe hätte, zu sehr an der Oberfläche hängen. Das liegt am thematisch überladenen Stück, nicht an seinen Darstellern. Denen gebührt zu Recht der begeisterte Applaus eines Publikums (auch an Schultischen sitzend), das diese Uraufführung ganz offensichtlich genossen hat.
Nächste Vorstellung
am 4. Juni; Telefon 089/ 21 85 19 40.