Pinar Karabulut, seit 2020 im Künstlerischen Leitungsteam der Münchner Kammerspiele, setzt in ihren knallig-bunten Inszenierungen auf Rosa und Rüsche, auf Glitter und Rockmusik und spielt virtuos mit allen erdenklichen Zitaten der Popkultur. Eines eint jedoch alle ihre bisherigen Arbeiten: Es stehen immer starke Frauenfiguren im Mittelpunkt.
Entsprechend ist „Der Sprung vom Elfenbeinturm“, von Karabulut und Dramaturg Mehdi Moradpour nach Texten von Gisela Elsner gestaltet, auch in erster Linie zu einer Hommage an die Münchnerin Autorin geworden, die sich 1992 im Alter von 55 Jahren das Leben nahm. Dem Publikum bietet die Inszenierung die Möglichkeit, diese zu Unrecht in Vergessenheit geratene Schriftstellerin (wieder) zu entdecken, mit all ihrer brutalen Ehrlichkeit, politischen wie gesellschaftlichen Radikalität. „Ein Abend gegen deine spießbürgerlichen Phantasien, deine Lebenslügen und deine Kompromisse“ lautet der Untertitel der Produktion.
Zuerst einmal ist diese Uraufführung, die am Samstag Premiere feierte, aber ein Abend der popkulturellen Interpretation von Elsners Werk, von Romanen wie „Heiligenblut“, „Berührungsverbot“ oder „Fliegeralarm“. Mit Letzterem geht’s los, ganz ordentlich chronologisch von Elsners Kindheitserinnerungen während der frühen Nachkriegszeit aus gedacht. In den Ruinen einer zerbombten Stadt spielen fünf seelisch zerstörte Kinder Konzentrationslager und sperren eines ein. Dessen Vater ist Kommunist – „und alle Kommunisten sind Juden“. Ins KZ gehören die sowieso alle, haben ihnen die Eltern schließlich eingebläut. Der Bub stirbt, doch das berührt die übrigen nicht. Sie spielen eben Schwarzmarkt und tauschen arisch blaue Glasaugen und codeinhaltigen Hustensaft. Eine wahrhaft gruselige Szene.
Filmreferenzen kommen in den Arbeiten Karabuluts oft vor. Mit viel Elan und intelligentem Aktivismus zerlegte sie in den vergangenen Jahren in Köln, Berlin und Bremen Klassiker und schuf daraus etwas Neues, Surreales, oftmals bestürzend Zeitgemäßes. Ihre Neigung speziell zum Horrorfilm lässt sich dabei schwer übersehen. Und so verwundert es kaum, dass der Auftakt von „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ mit den zur Empathie unfähigen Kindern, denen der Nationalsozialismus die Hirne komplett mit Rassenhass und Grausamkeit verstopft hat, wie eine Multiplikation des Gruselklassikers „Annabelle“ wirkt. Nur eben mit fünf bösen Puppen anstatt einer. Bei Karabulut staksen diese grausigen Gestalten mit pastellfarbenen Tüllröckchen, blonden Langhaarperücken, starren Kontaktlinsen und silbernen Plateaustiefelchen über die in dieser Phase vollkommen dunkle und leere Bühne.
Bettina Pommer, die schon oft mit der Regisseurin zusammen fantasievoll-fremde Welten ersonnen hat, hat das Bühnenbild diesmal überraschend schlicht und konzentriert gehalten. Dafür schillern die Kostüme von Aleksandra Pavlović, einer weiteren Karabulut-Kollegin, umso bonbonfarbenfroher. Elsners Kampf gegen das Spießertum der jungen BRD wird durch diese Überzeichnung zu einem allgemein gültigen, bis in die Gegenwart reichenden Albtraum: beim Monolog des Schraubenfirmenangestellten (Stefan Merki) ebenso wie bei der immer wieder scheiternden Sportlerin (Wiebke Puls) oder innerhalb der nur scheinbar freizügigen Partygesellschaft.
„Theater darf auch pink sein“, lautet Pinar Karabuluts Credo. Das mag zwar auf den ersten Blick Elsners Lieblingsfarben Schwarz und Weiß widersprechen. Doch beim genaueren Hinsehen wird klar, dass die Farbigkeit der Inszenierung etwas extrem Befreiendes hat. Ja, dass diese zweieinhalb Stunden dauernde Groteske (keine Pause) einen Akt der feministischen Selbstermächtigung darstellt, der Elsner in ihrer Zeit und Generation nur einfach noch nicht möglich war.
Nächste Vorstellung
heute, weitere Termine: www.kammerspiele.de; Telefon 089/233 966 00.