Volle Kraft voraus

von Redaktion

PREMIERENKRITIK „Alles Gold, nichts glänzt“ in der Therese-Giehse-Halle der Kammerspiele

VON MALVE GRADINGER

Neue Spielformen ausprobieren, sich politisch artikulieren, möglichst mehrere Produktionen parallel anbieten, ganz junge Leute auf die Bühne lassen – Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, hält weiterhin ihren radikal zeitgenössischen Kurs. „Alles Gold, nichts glänzt“ war jetzt – seinem Titel entsprechend – ein frech-sympathischer Abend, der mit jugendlicher Energie durch die Therese-Giehse-Halle, ja richtig: tobte.

Anne Sophie Kapsner (Text und Regie) und ihr Siebener-Team zwischen 17 und 21 Jahren (nicht jede/r will in den Schauspielberuf) haben sich dazu als Folie Tschechows Frühwerk „Platonow“ (1878/1881) vorgenommen. Warum? Vielleicht weil der Gymnasiast Tschechow exakt in deren Alter war, als er diese Komödie über eine in Untätigkeit und Ziellosigkeit versinkende russische Gesellschaft ins Visier nahm. Jedenfalls lässt sich damit bestens gegen eine literarisch schon festgehaltene Eltern-Generation rebellieren – das verleiht mehr argumentatives Gewicht.

So stürmen die Mitwirkenden immer wieder in diesen 19.-Jahrhundert-Garten mit Art-déco-Pavillon und projizierter Flora und Fauna (Bühne und Video: Nicole Marianna Wytyczak). Ihre schräg zusammengestoppelten Klamotten (Melina Poppe) verraten absoluten Teenie-Nicht-Geschmack. Dass sie keine Vollprofis sind, versuchen sie auch gar nicht zu verstecken. „Nichts glänzt“ in dieser Inszenierung. Dafür hat sie den erfrischenden Charme des Ursprünglichen – und eben diese vorwärts drängende Spielkraft. Und die ist Munition genug, uns mitzureißen in ihrem impro-spielerischen Prozess der Selbstfindung.

Jetzt mokieren die Sieben sich über die seichte weibliche Konversation um den umschwirrten Dorfschullehrer Platonow, der trotz erfolgreichem Damenverschleiß in seiner Lethargie versumpft. Gleich darauf listen sie ihre ausgeflippten Wünsche auf: „Alles ist möglich. Wir sind jung.“ Aber auch ihre Wut auf die ältere Generation: „Ihr seid der Albtraum. Wir sind euer Untergang.“ Da passt ihre ironische Litanei über das Erwachsensein, mit dem kläglichen Definitions-Endergebnis, „wenn man sich mit Dingen abfindet, die man nicht mehr ändern kann“.

Die Crew hat sich gründlich an dem Generationen-Unterschied gewetzt. Es kommt alles zur Sprache, vom Lebensziel, den existenziellen Unsicherheiten bis zum Bedürfnis nach Liebe und sexueller Orientierung. Und das alles in munter abwechslungsreicher Form: als monologische Anklage, auch mal geschlossen im Chor, einmal nachdenklich leise, als Musical-nahe Nummer und als schrille Disco-Fete, (Musikalische Leitung und Komposition: Kim Twiddle). Ohne Zeigefinger gibt der Abend dem Zuschauer genug Stoff zum Nachdenken. Und natürlich macht er auch bewusst, dass die Jugend während der Corona-Pandemie auf sich selbst zurückgeworfen wurde – und ja noch ist.

Nächste Vorstellungen

am 15. und 16. Juni;

Telefon 089/233 966 00.

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