Subversive Wort-Parodien

von Redaktion

Der Weßlinger Autor Anton G. Leitner wird morgen 60 und beschenkt sich mit einem Buch

VON ALEXANDER ALTMANN

Weiß jemand, was ein „Njusfläsch-Abbgräid“ ist? Eine „Hoddlein“ und ein „Bobb-abb-Sdoa“? „Was ist mit diesem Rätselwort gemeint“, wird sich da mancher mit Goethes Faust fragen, aber zumindest bairische Muttersprachler dürften nach kurzem Grübeln draufkommen, dass hier etwa von einem „Pop-up-Store“ die Rede ist. Etwas schwieriger wird’s dann bei richtigen Übersetzungen, „Dränsläischns“ quasi. Wie sagen Baiern und speziell die Baierinnen, wenn sie beispielsweise das Englische „me too“ in ihrem Heimatdialekt ausdrücken wollen?

Die Antwort darauf findet sich in einem Buch, dem auch die anderen Wort-Parodien entnommen sind – und das natürlich noch mehr zu bieten hat als polyglotte Sprachspiele im bairisch-englischen Grenzgebiet: „Wadlbeissn“ heißt das jüngste Werk mit Dialektgedichten (samt hochdeutscher Übersetzung) von Anton G. Leitner, diesem bodenständigen Kosmopoliten aus Weßling im Landkreis Starnberg. Nach „Schnablgwax“ (2016) legt er damit erneut einen Band mit Mundartlyrik vor, der sein zahlreiche Bücher umfassendes Werk mit hochdeutschen Gedichten ergänzt. Ein Wadlbeißer ist Leitner freilich nicht in Person, sondern nur in manchen seiner poetischen Werke: Wie er im neuen Buch durch sprachliche „Bavarifizierung“ cooler Anglizismen den angeberischen Vormachtsanspruch eines funktionalistischen Zeitgeistes untergräbt, das ist ebenso subversiv wie witzig.

In seinen hochdeutschen Gedichten spürte Leitner bisher oft dem Doppelsinn der Wörter nach und brachte dies auch im wiegenden Rhythmus der Verse zum Ausdruck. In den Dialektgedichten hingegen setzt er weniger auf Dialektik, sondern bewusst auf jenen direkteren, handfesteren Zugang zur Welt, der Mundart ja kennzeichnet. Da greift der Dichter hinein ins volle Menschenleben und entfaltet eine Comédie humaine von fast schon Balzac’scher Saftigkeit: Erinnerungen an die Liebesnächte der Jugendjahre finden hier mühelos mit Kreditverhandlungen bei der Bank in einem Gedicht zusammen. Da geht es um Wallfahrten und US-amerikanische Esskultur („lädschade Dschiggnwings“), um Krankenhausaufenthalte, Elektroautos, Spatzen im Biergarten, Politiker und die Digitalisierung: „I hob ma an Wedschie- / Böaga obgschbeichad // In da Klaud, damid i / Des Drumm rundda- // Lodn ko, fois i zwischn- / Nei an Koidambbf griag.“

Komisch und ernst sind diese Gedichte, satirisch, melancholisch, fein und derb, mal gelassen und mal grantig. Dass „Wadlbeissn“ damit nicht als unverbindliches „Geschenkbuch“ taugt, dürfte klar sein, aber ein Geschenk ist es trotzdem: eines, das Anton G. Leitner sowohl den Lesern als auch – verdientermaßen – sich selbst gemacht hat, denn morgen, am 16. Juni, feiert der Dichter seinen 60. Geburtstag. Einer breiteren literarischen Öffentlichkeit ist Leitner vor allem deshalb ein Begriff, weil er seit 1993 die jährlich erscheinende Zeitschrift „Das Gedicht“ herausgibt, das derzeit bedeutendste Lyrik-„Organ“ im gesamten deutschsprachigen Raum. Aber so wichtig es ist, diesen unermüdlichen, buchstäblich selbstausbeuterischen Einsatz Anton G. Leitners als „Lyrik-Impresario“ zu würdigen, so wichtig ist es, die Bedeutung seines eigenen dichterischen Werkes darüber nicht zu vergessen. In diesem Sinne: Doppelte Glückwünsche! Zum Geburtstag und zum neuen Buch.

Anton G. Leitner:

„Wadlbeissn. Zupackende Verse“. Volk Verlag, München, 200 Seiten; 18 Euro.

Sprachspiele im bairisch-englischen Grenzgebiet

Leitner verlegt

auch die Zeitschrift „Das Gedicht“

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