Es muss schon große Liebe zur Musik – oder Abneigung gegen Fußball – wirken, um während des vorentscheidenden Vorrundenspiels der deutschen Elf ein Konzert zu besuchen. Im Gasteig bieten am Samstagabend die Münchner Philharmoniker ein skandinavisches Duell auf Augenhöhe: Norwegen, das mit einem überragenden Gaststürmer antritt, gegen Finnland, das mit einem überzeugenden Libero beeindruckt.
Die erste Halbzeit bestreiten die Philharmoniker mit Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll – das mit seiner fulminanten Eingangsphase unmittelbar losstürmt. Geschlossen präsentiert sich das Orchester als Team, angeführt vom isländischen Ausnahmepianisten Víkingur Ólafsson: ein feingeistiger Dribbler und kraftvoller Musiker, der – wie man es Stürmerstars nachsagt – den Unterschied machen kann. Virtuos wirbelt er durch die Partitur und legt fintenreiche Haken ein, beherrscht aber ebenso das schöne Spiel mit viel Gefühl und unbedingter Hingabe.
Die intensive Kommunikation mit seiner Hintermannschaft weist Ólafsson als echten Teamplayer aus, der als Solist die perfekte Mischung aus jugendlicher Frische und spielerischer Reife verkörpert. Zum Publikumsliebling wird der Isländer spätestens, als er nach begeistertem Applaus seine Zugabe auf Deutsch anmoderiert. Alles in allem eine schwer zu toppende Leistung, und doch präsentiert sich Finnland in der zweiten Halbzeit auf Augenhöhe.
Das liegt nicht zuletzt an Santtu-Matias Rouvali – dem Shootingstar unter den jungen Dirigenten, der freilich auch schon in der ersten Hälfte dirigiert hat. Drückte hier Ólafsson seinen Stempel auf, prägt Rouvali die Symphonie Nr. 2 seines Landsmanns Jean Sibelius. In überraschenden Spielzügen und einem Ohr fürs große Ganze geht der Dirigent wie ein ausgezeichneter Libero zu Werk: Mit Übersicht, immer aufmerksam und charismatisch hält er das Orchester zusammen und führt es zu einer starken Kollektivleistung, indem er jeden einzelnen Musiker mitnimmt.