„Fügung“ nennt es Hausherr Monsignore Engelbert Dirnberger an diesem Abend. Weniger Gläubige würden womöglich eher von Zufall sprechen. Auf alle Fälle ist es in diesen Pandemie-geschüttelten Zeiten erwähnenswert, dass der Münchner Künstler Christoph Brech als wiederkehrendes Motiv der von ihm gestalteten Fenster in der Kirche Heilig Kreuz ausgerechnet menschliche Lungenflügel wählte. Damals, Anfang 2019, als Brech die sieben Chor- und Oratorienfenster der neugotischen Kirche oberhalb des Giesinger Bergs nach mehrjähriger Arbeit vollendete, sprachen noch nicht einmal die Wissenschaftler von Sars-CoV-2.
Daher war Brechs Ansatz logischerweise auch ein anderer: Als er das damals noch in der Grundsanierung befindliche Gotteshaus erstmals betrat, entstand für ihn sofort die Idee, die gobelinartigen Muster der Wände hinter dem prachtvoll in die Höhe ragenden Altar in einer vergleichbaren Struktur in den Fenstern fortzusetzen. „Eine aufstrebende Bewegung, in den Himmel hinein“, wollte Brech darstellen, ganz luftig und leicht, hell und freundlich sollte der Altarraum wirken.
Himmel, Luft und Atem sind Motive, die in Brechs Arbeiten immer wieder zu finden sind. Bereits seit den Neunzigern beschäftigte sich der durch sein Elternhaus deutlich medizinisch geprägte Künstler unter anderem mit Lunge und Thorax des Menschen. Seine Idee für die Fenster von Heilig Kreuz, Röntgenaufnahmen von Gemeindemitgliedern zu verwenden und zu abstrahieren, ist bestechend. Denn im Inneren sind alle Menschen gleich. Der in hellen Blautönen gehaltenen, digitalisierten Thorax-Aufnahme sieht man nicht an, welcher Einkommens- oder Bildungsschicht die betreffende Person angehört – von Hautfarbe, Sprache, Geschlecht, Alter oder Weltanschauung ganz zu schweigen. Die mit insgesamt über 1200 Lungenaufnahmen bedeckten 85 Quadratmeter, von der Bayerischen Hofglasmalerei Gustav van Treeck bearbeiteten Glasfläche bieten jedem Kirchenbesucher viel Raum für eigene Gedankenspiele und Assoziationen. Erkennt man das aus Wirbelsäule und Schlüsselbeinen gebildete Kreuz, oder eher die ins Licht strebenden Engelsflügel? Brech möchte seine aus mundgeblasenem Neuantikglas aufwendig gefertigten Kunstwerke als universell gültige, jeden Menschen inspirierende „Fenster fürs Leben“ verstanden wissen. Deshalb weiß auch niemand der teilnehmenden Gemeindemitglieder, wo genau die eigene Aufnahme hängt.
Wie berichtet, gefiel die Idee und Umsetzung den Juroren des seit 1992 bestehenden Vereins „Artheon – Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche“ so gut, dass man Brech schon 2020 mit dem jährlich ausgelobten Kunstpreis auszeichnete. Am vergangenen Samstag ließen die Corona-Maßnahmen endlich wieder eine wenigstens im kleinen Rahmen eines ökumenischen Abendlobs stattfindende Preisverleihung in Heilig Kreuz zu.
Die Laudatoren Annette Schavan und Artheon-Präsident Pfarrer Hannes Langbein schlugen im Dialog erwartungsgemäß die gedankliche Brücke von Brechs Kunstwerk zur nach wie vor allgegenwärtigen Pandemie. Sie deuteten die Röntgenaufnahmen aktuell aus: Dabei setzten sie neue Bezugspunkte vom lebensnotwendigen Odem als Beginn allen Seins und den Beatmungsgeräten auf den Intensivstationen bis hin zur Leben spendenden Kraft, die kluge Kunst in einem Idealfall wie diesem vermitteln kann.