Kaiserwetter beim Jubiläumskonzert vor königlicher Kulisse: Am sonnigen Samstag feiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks seinen 20. Auftritt bei „Klassik am Odeonsplatz“. Dabei bewies es einmal mehr, dass man bei Open-Air-Events nicht immer nur die üblichen Gassenhauer abliefern muss – und dass auch unter freiem Himmel differenziertes Musizieren möglich ist, wenn man sich auf Top-Tontechniker verlassen kann, die zumindest an diesem Tag für ein gut ausgesteuertes und fein abgemischtes Klangbild sorgen.
So sind bereits zu Beginn von „La mer“ die Harfentöne klar zu hören, die im Konzertsaal oft untergehen. Debussys verkopfte, mit mathematischer Präzision ausgearbeitete Meeresimpressionen werden mit ihrem fortwährenden Fließen und Flirren, Wogen und Wallen wohl nie die Hitparaden stürmen. Und der Dirigent Daniel Harding ist kein Showman, sondern ein nüchterner Analytiker und sorgfältiger Detailgestalter.
Mit einer zehnminütigen Zugabe, einer zwar kultivierten, aber arg verschleppten und wenig beschwingten Wiedergabe des Walzers „Künstlerleben“ von Johann Strauss Sohn, begibt sich der Brite auf gefährlich glattes Wiener Parkett. Immerhin konnte er mit dem Orchester zuvor bei Strawinskys zweiter „Feuervogel“-Suite ein wahres Klangfarben-Feuerwerk zünden – von der mystischen Einleitung bis hin zur strahlenden Finalorgie im 7/8-Takt, in der die Trompeten und Trommeln das Publikum so ins Mark treffen, wie es bei einem Streaming undenkbar wäre: Für das Live-Erlebnis gibt es eben keinen Ersatz.
Solistin des Konzerts war Sol Gabetta, die mit ihrem erfrischenden, expressiven Cellospiel selbst Klassik-Muffel in begeisterte Fans verwandeln kann. Doch auch die charmante Charismatikerin hatte keinen Reißer im Gepäck, sondern Schumanns sprödes Cellokonzert, bei dem sie trotz heikler Doppelgriff-Ketten und halsbrecherischer Läufe nicht mit vordergründiger Virtuosität auftrumpfen durfte – sie fungierte im Orchester quasi nur als Prima inter pares. Und vom ersten Takt an wurde deutlich: Sol Gabetta ist eine prima Prima. Sie leistete sich keine exzentrischen Extravaganzen, zog nicht stur ihren Stiefel durch, sondern hörte auf ihre Mitstreiter. Sie wusste natürlich, dass das BR-Orchester auf allen Positionen hochkarätig besetzt ist. So fand sie etwa mit dessen Solo-Cellisten Lionel Cottet im zweiten Satz zu intimem, innigem Zusammenspiel.
Wie immer stürzte sie sich mit Verve in die Noten – als wäre das ihr letzter Auftritt auf Erden. Dabei würzte sie ihren warmen Ton und ihr himmlisches Legato mit argentinischem Temperament: Sie kredenzte Cello con Chili, brachte ihr Instrument zum Glühen und die Melodien zum Blühen. Auch mit ihrer Zugabe bewies sie, dass sie das Singen auf vier Saiten beherrscht wie kaum jemand sonst – die Lenski-Arie aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“ interpretierte sie als tief empfundenen, todessehnsüchtigen Seufzer, als schaurig-schönes Schmachten.
Für einen weiteren emotionalen Höhepunkt sorgte sie schon zuvor in der Kadenz des Schumann-Konzerts, die mit stakkatierten Triolen zum A-Dur-Happy-End führt: Sol Gabetta gestaltete diese Steigerung durch geschicktes Variieren des Tempos so aufregend und anrührend, dass die Sonne über dem Odeonsplatz spätestens dann nicht nur auf die Gesichter der Musiker strahlte, sondern auch in die Herzen der Zuschauer.