In eisigen Tiefen

von Redaktion

FESTSPIELE ERL Engelbert Humperdincks „Königskinder“

VON MARKUS THIEL

Passagen gibt es, da findet der Meister aus seinem Werk gar nicht mehr hinaus. Was verständlich ist: Das Sterben, man höre nur die letzten 20 Minuten von Humperdincks „Königskindern“, komponiert sich noch immer am schönsten. Auch im Festspielhaus Erl sind das die eindrücklichsten Momente, wenn sich das Liebespaar auf eisiger Bühne kauernd in eine bessere Welt imaginiert.

Zwei Außenseiter, ein Blaublut auf der Suche nach dem echten Leben und eine Gänsemagd, im Wald von der Hexe aufgezogen, scheitern an einer intoleranten Gesellschaft, und dies mit Todesfolge: Humperdincks pessimistisches Erwachsenenmärchen zwischen Symbolismus und Wagner-Nachhall geht auch uns etwas an. Regisseur Matthew Wild und Ausstatter Herbert Murauer hüten sich jedoch vor plumper Aktualisierung: Boy aus gutem Hause trifft Mädchen mit kleiner Lebensprognose, aber großem Herzen, das im Wohnwagen mit der Erzieherin haust.

Manchmal wird die Symbolik wie der Teich im ersten Akt, in dem beide sich bis zur Klatschnässe wälzen, etwas überstrapaziert. Doch meistens wird klug auf dem Grat zwischen Realismus und Gebrüder Grimm getänzelt. Es gibt eher Andeutungen (die stramme Jugendorganisation, die den Mittelakt bejungvölkert plus die „Meistersinger“-Zitate) statt szenisch erschöpfende Ausformulierungen. Was den Abend gelegentlich auch durchhängen lässt, doch dafür hat man ja die Musik. Gerard Schneider (Königssohn) und Karen Vuong (Gänsemagd) waren schon in der Erler „Rusalka“ aktiv. Wieder freut man sich übers natürliche, glaubhafte Spiel, auch über Stimmen mit viel Substanz in der Mittellage, die im Lyrischen die schönsten Farbwerte erzielen. Und wieder hört man auch Grenzen mit, was bei Humperdinck problematisch ist: Der einstige Wagner-Assistent verlangt passagenweise auch Schwerkalibriges, das mühelos erobert sein will.

Eine Entdeckung ist Iain MacNeil, und das nicht nur, weil der Kanadier Rad schlagen und aus dem Stand auf einen Kühlschrank hüpfen kann. Bislang war der Bariton im Frankfurter Opernstudio und wurde mittlerweile ins dortige Ensemble befördert. Die Rolle des Spielmanns ist hier wörtlich zu nehmen – sobald MacNeil auftritt, wird er zur Mittelpunktsfigur. Weil er technisch souverän mit der Partie umgeht und weil es eine schlanke, agile, in jeder Sekunde klangreiche Stimme zu erleben gibt.

Auch andere Solistinnen und Solisten sind Mitbringsel von Bernd Loebe, dem Frankfurter Intendanten, der in Erl seine Depandance unterhält. Und das, man höre nur Katharina Magiera (Hexe) oder Franz Mayer (Ratsältester), garantiert für ortsübliches hohes Niveau.

Der Dirigent Karsten Januschke, einst Kapellmeister am Main, fällt ebenfalls in diese Kategorie. Die „Königskinder“, man sieht und hört es, hat er im kleinen Finger. Ein Sängerbegleiter und Orchesterlotse im besten Sinne, der körpersprachlich seine frühere Assistenzzeit bei Christian Thielemann nicht verleugnen kann. Januschke verliert sich mit dem Festspielorchester nicht genießerisch in der Partitur. Die Sache, siehe Finale, ist schließlich ernst genug.

Weitere Vorstellung

am 17. Juli;

Tel. 0043/5373/810 00 20.

Artikel 2 von 11