Kurzurlaub in Spanien

von Redaktion

Erster Tag auf dem Odeonsplatz mit den Münchner Philharmonikern unter Lorenzo Viotti

VON JOHANN JAHN

Wie er das nur wieder hingekriegt hat, der gute alte Petrus: Gegen 17 Uhr, also eine halbe Stunde vor Konzertbeginn, hörte am Freitag der Regen auf. Der graue Himmel lichtete sich, die Sonne blinzelte hervor und schenkte dem Ocker der Theatinerkirche jene wohlige Wärme, die zum entsprechenden Ambiente für ein Open-Air-Konzert beiträgt.

Und wenn trotzdem noch bei einem Teil des Corona-bedingt stark dezimierten Publikums eine gewisse Trübung des Gemüts zu verzeichnen war, dann wurde sie von der Musik beiseite gefegt – helles bis feuriges Repertoire um die Inspirationsquelle Spanien stand auf dem Programm der Münchner Philharmoniker, deren Chef Valery Gergiev aufgrund der Einreisebestimmungen nicht antreten konnte, weswegen wie berichtet Lorenzo Viotti eingesprungen war. Ein Glücksfall. Der 31-jährige Schweizer brachte Drive und eine musikantische Laune mit, die sich spürbar aufs Orchester übertrugen. Und die sich auch dank der Gestik des taktstocklos anpeitschenden Dirigenten in den flotten Tempi widerspiegelten.

Allerdings brauchte es zur entsprechenden Stimmung ein wenig Zeit, denn los ging’s mit dem zweiten Klavierkonzert von Sergeij Rachmaninow, mit dem er einst seine Schaffenskrise überwunden hatte und das längst zu den populärsten Schlachtrössern gehört. Die Solistin Yuja Wang zeigte einmal mehr, dass sie technische Schwierigkeiten nicht zu kennen scheint – und das obwohl (oder eben gerade weil) sie in einem hautengen Glitzerkleid in grellem Grün auftrat, in dem andere vermutlich Atem- und Bewegungsängste bekommen dürften. Wie ihre Finger über die Tastatur flitzen, die Oktavsprünge exakt donnern, ihre Pranken blitzartig ausfahren können, das ist gewiss sensationell.

Doch fehlte an diesem Abend ein künstlerischer Esprit, der die Seele zu berühren vermochte. Das lag gewiss auch an der Akustik auf dem großen Platz, der via Lautsprecher beschallt wurde, was in den lauten Tutti-Passagen in einen wolkigen Einheitsbrei mündete. Abgesehen davon, dass Bild und Ton leider nicht ganz zusammen waren – wie gewohnt wurde alles parallel auf eine Großleinwand übertragen.

Nach eher tröpfelnd-schüchternem Applaus für den Auftakt löste sich etwas bei Orchester und Publikum. Mit dem „Capriccio espagnol“ von Nikolai Rimskij-Korsakow lotste Viotti die Philharmoniker in südliche Gefilde und tauchte den Odeonsplatz in eine spanische Couleur locale, die weder aufgesetzt noch übertrieben war. Rasante Tempi, messerscharf herausgearbeitete rhythmische Akzente, eine Feier der iberischen Tänze, mit entwaffnender Leichtigkeit und Laune dargeboten. Es schien, als würde sich all der aufgestockte Unmut über die Zwangspause der letzten Monate entladen, als wollte das Orchester das ganze Publikum umarmen.

Auf dieser Welle ritt es sich bestens, um die „Rhapsodie España“ von Emmanuel Chabrier abzufeuern und mit dem „Bolero“ von Maurice Ravel dem Höhepunkt entgegen zu trommeln. Klar hört man diesen Klassiker im Konzertsaal feiner, mit klarer abgestuften Steigerungswellen – geschenkt: Die Latte für das BR-Symphonieorchester (siehe oben) wurde auf stattliche Höhe gelegt.

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