Von Richard Wagner selbst kursiert das berühmte Zitat, er sei der Welt noch einen „Tannhäuser“ schuldig. Ein Urteil, das man gut auch über Romeo Castelluccis Deutung dieser Oper aussprechen könnte, die bei der Festspiel-Wiederaufnahme im Münchner Nationaltheater erneut viel szenischen Leerlauf offenbarte. Umso mehr Gelegenheit, sich auf die vokalen Ereignisse des Abends zu konzentrieren. Allen voran Lise Davidsen, die als Elisabeth bereits auf dem Grünen Hügel für Furore sorgte und einen spüren ließ, welche Kompromisse man im Wagner-Fach sonst oft in Kauf nimmt.
Die junge Norwegerin, die sich hoffentlich nicht zu früh in hochdramatische Partien drängen lässt, verfügt über einen wahrhaften Ausnahme-Sopran. Dunkel im Timbre, dabei aber ebenso rund und ausgeglichen in der Höhe. Und mit einer Durchschlagskraft gesegnet, dank derer sie das Finale des zweiten Aufzugs mühelos überstrahlte. Davidsen ist jedoch keine reine Stimmbesitzerin, sondern wusste das Duett mit Tannhäuser ebenso vom Text ausgehend zu denken wie ihr verzweifeltes Gebet.
Bei Elena Pankratova als Venus stand dagegen der musikalische Ausdruck an erster Stelle. Was man ihrer zur Unbeweglichkeit verurteilten Figur jedoch kaum übel nehmen konnte. Zumal sie nicht die Einzige war, die an diesem Abend den Souffleurkasten fixierte. Auch der Titelheld dichtete zuweilen neu. Klaus Florian Vogt hat sich die Rolle seit der Premiere gut auf seine Stimme zurechtgebogen, wirkte aber dennoch sehr auf die Noten konzentriert und selten gelöst. Somit passte er zwar in die kühle Castellucci-Ästhetik, die moralischen Grundfesten der Wartburggesellschaft dürfte ein derart kultiviert singender Rebell jedoch kaum erschüttern. Mehr Potenzial dazu hatte da schon der kantige Wolfram von Simon Keenlyside, der so zum eigentlichen Gegenpol von Georg Zeppenfelds Belcanto-Landgraf wurde.
Solide das Dirigat von Asher Fisch, der unter Repertoirebedingungen wohl das Menschenmögliche aus dem derzeit exzessiv geforderten Staatsorchester und dem „Tannhäuser“ herausholte. Nach keuschem Beginn etwa in der dramatisch aufgeladenen Venusberg-Episode oder beim intensiv gesteigerten Vorspiel zum dritten Aufzug. Wobei kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben zum Glück meist schnell wieder ins Lot gerückt wurden.