Gartendenkmalpflege – braucht’s das? Gartenkunstgeschichte – na ja, vielleicht. Wenn man etwa durch den Englischen Garten spaziert oder durch den Nymphenburger Schlosspark, dann kann man nur sagen: Ja, unbedingt! Denn diese riesigen Natur-Kunstwerke, die zwar ziemlich alt, aber zugleich quicklebendig sind, werden heutzutage genauso oft missbraucht wie die „natürliche“ Natur und Landschaft. Deswegen müssten die Erkenntnisse der Gartenkunstgeschichte viel mehr gelehrt und von breiteren Schichten wahrgenommen werden. Zumal das Garten-Wissen und die Geschichten darum herum bunt, vielfältig und spannend sind. Das beweist zum Beispiel der Sonderdruck „Aspekte Münchner Gartenkunst 1825-1945. Gärten, Akteure, Institutionen“ des Periodikums „Die Gartenkunst“.
Herausgeberin und Autorin Iris Lauterbach, Professorin für Gartenkunst an der Münchner TU und für dieses Thema Expertin im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, hat zusammen mit einigen Kollegen einen weiten Bogen gespannt. Vorgestellt wird da der bayerische Hofgarten-Intendant Carl August Sckell (1793-1840), Neffe des weithin berühmten Friedrich Ludwig von Sckell, Schöpfer des Englischen Gartens und Umwandler des Nymphenburger Schlossparks in die heutige Form. Kunsthistoriker Rainer Herzog erzählt von den gartenkünstlerischen und -technologischen Taten Carl August Sckells – insbesondere jedoch von ihm als modernem Kommunikator. Er trug energisch die bayerischen Leistungen in Sachen Gartenkunst – und die des Onkels – in die Welt.
So wie Herzog binden auch die anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lauterbach, Ingrid Cavalieri und Brigitte Zuber, die jeweilige Sozialgeschichte Münchens mit ein. Das macht die Texte für Laien fruchtbar und unterhaltsam. Vor allem ist es schön und überraschend, die Historie unserer Landeshauptstadt einmal von einem ganz anderen Blickwinkel aus zu betrachten: eben im Ringen um den Englischen Garten. Carl August Sckell versuchte 1836, ihn auch mit einem Plan (attraktive Radierung) nicht nur zu dokumentieren, sondern gewissermaßen in seiner Bedeutung für die Zukunft zu wappnen.
Hundert Jahre später wird der Park, der ausdrücklich allen Bürgern gewidmet ist, von den Nazis, von Adolf Hitler persönlich, angegriffen. Die detaillierten Abläufe, denen die zuständigen Garten-Verantwortlichen sich nicht entgegenzustellen trauten, legt Herzog am Ende des Buches dar. Der Bau des „Hauses der Deutschen Kunst“ und die Verbreiterung der Königinstraße fraßen Teile des Englischen Gartens. Und man erfährt, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können.
Zwischen diesen beiden zeitlichen Polen erlebt der Leser, wie München wirtschaftlich und dann eben auch gärtnerisch aufblüht. So wird zum Beispiel die Kunstgärtnerei Buchner in der weitgehend unbebauten Theresienstraße zu einem international vernetzten Gartencenter inklusive Landschaftsarchitektur-Angebot. Wer sich einen großen Garten anlegen wollte, ging zu Buchner. Natürlich wollten das auch die Münchner Künstlerfürsten, die gerade ihre Villen bauten. Erhalten ist bis heute der italianisierende Garten des Lenbachhauses, dessen Planung Iris Lauterbach genauso schildert wie den Garten von Franz von Stuck (rekonstruiert), Adolf von Hildebrand (verloren) und von Friedrich August von Kaulbach (vernichtet).
Sie schweift ergänzend auch aufs Land: Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in Murnau (Garten rekonstruiert), August von Kaulbach in Ohlstadt (verschwunden) sowie Mathias und Anna Sophie Gasteiger in Holzhausen am Ammersee (erhalten) – sie alle legten mit Eifer ihre malerischen Gärten an. Damit wird nicht nur eine Forschungslücke zur „reichen Villengartenkultur“ in München und im Oberland verkleinert. Es wird außerdem ein bürgerlich-künstlerisches Lebensgefühl vermittelt, das wir heute wohlig als „die gute alte Zeit“ empfinden. In ihr lagen zugleich die Wurzeln des Sich-bewusst-Werdens der damaligen Kenner und Forscher, dass es so etwas wie Gartenkunstgeschichte geben sollte. Und die ist nach wie vor wichtig.
Iris Lauterbach (Hg.):
„Aspekte Münchner Gartenkunst 1825-1945. Gärten, Akteure, Institutionen“. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms, 130 Seiten; 18 Euro. Bestellbar im ZI für Kunstgeschichte Katharina-von-Bora-Str. 10, 80333 München.