Aufführungen bestehen gemeinhin nicht aus den letzten 25 Minuten. Eine Binse, klar. Doch oft würde das der Sache ungemein helfen – wie hier: Unschlüssig steht der König nach seiner Abdankung herum, Mozart hätte noch die Friedensarie „Torna la pace“ in petto. Und tatsächlich beginnt nach dreieinhalb langen Stunden das Vorspiel zu diesem, sorry Wolferl, Showstopper. Doch recht schnell verebbt und versickert die Musik, bis der Ex-Herrscher schulterzuckend und stumm umherblickt. Das war’s wohl, seine Zeit ist vorbei.
Eine vielsagende Pointe, es ist die beste dieses dünnen Regie-Abends. Und dann platzt der wilde Schlusschor los, gefolgt von der noch wilderen Ballettmusik, die hier, in dieser „Idomeneo“-Premiere der Münchner Opernfestspiele, wunderbarerweise komplett gespielt wird. Dustin Klein hat dafür eine prächtig aufgeregte Choreografie erdacht. Im Staatsorchester gibt es eine Farbexplosion, alles rennt und rast und wütet, überholt sich fast selbst, wirft sich trunken und delirierend in den Schlussakkord.
Vollkommen verrückt ist das, und der Verrückteste von allen steht am Pult. Constantinos Carydis ist ein Münchner Wiederholungstäter. An der Staatsoper hat er „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach mit einem Atomkraftwerk verstöpselt, zuletzt Mozarts „Le nozze di Figaro“. Und man mag sich nicht ausdenken, wie sich der „Idomeneo“ im Prinzregententheater ohne ihn durch die drei Akte geschleppt hätte.
Carydis hat eine Idee für jeden einzelnen Takt. Vieles ist auch anfechtbar und sehr zu diskutieren – wie bei großer Kunst eben immer. Doch wie er seine Vision dieses Werks scheinbar ungerührt und doch befeuernd im Orchester durchsetzt, wie alles analytisch durchdacht und dramatisch begründet ist, wie Überwältigung einhergeht mit Hinterfragung, das ist grandios und knüpft an die Deutungen eines René Jacobs an. Carydis ist viel zu ernsthaft und ehrlich unterwegs, als dass er etwas (auch in den großartigen Chor-Nummern) an den Effekt verraten würde.
Und so bewegt sich diese Neuproduktion, es ist die letzte in der Ära des Intendanten Nikolaus Bachler, musikalisch auf der Höhe des „Tristan“ zu Beginn der Opernfestspiele. Wie in den vergangenen Jahren üblich, gibt es wieder hohe Schauwerte, für die erneut (nach Georg Baselitz beim „Parsifal“) die bildende Kunst zuständig ist.
Die Britin Phyllida Barlow, das Haus der Kunst widmet ihr noch bis Sonntag eine Retrospektive, hat sich assoziative, wuchtige Elemente erdacht. Der Recycling-Charme, die verschmolzenen Alltagsmaterialien, die aus Vergänglichem Wuchtiges, Neues entstehen lassen, all das passt zum Stück. Einen bedrohlichen Felsen gibt es, der scheinbar mühevoll von Stangen in der Luft gehalten wird, auch einen mit öligen Planken versehenen Laufsteg, der nur vermeintliche Hafensicherheit und Stabilität signalisiert. Einmal schmachten sich Ilia und Idamante wie in zwei Baumhäusern zu. Ein rotes Seil kann Netz oder Galgenstrick sein. Und eine raffinierte Lichtregie lässt das alles noch mehrdeutig schillern, einmal wird der Felsen im Halbschatten zum geöffneten Maul des Meeresungeheuers.
Dienstbare stumme Geister in bunter Arbeitskluft schieben das alles auf der Bühne herum. Und schon bald ist klar, so unschlüssig, wie das passiert: Mit einer ebenso vielsagenden Regie wird das heute Abend nichts. Ein drittes Mal, nach Rossinis „Guillaume Tell“ und Verdis „Le vêpres siciliennes“, wurde Antú Romero Nunes mit einem herrlich wuchernden bis gattungssprengenden Chor-Solisten-Ballett-Opus betraut. Dass er wieder für den Chor keine Idee hat, mag man noch verschmerzen. Dass aber seine Inszenierung so aussieht, als habe Mozart lauter zweidimensionale bis schablonenhafte Figuren erdacht (und sie auch musikalisch so ausgestattet), geht an diesem aufregenden Früh-Stück des Meisters vorbei.
Nunes nimmt das Angebot von Phyllida Barlow selten auf, kann die Szenerie kaum füllen und beschränkt sich aufs Arrangement. Das meiste, was sich bewegt, ist mutmaßlich Eigenbau der Sängerinnen und Sänger. Und darunter sind zwei, denen man viele weitere Arien gegönnt hätte: Hanna-Elisabeth Müller ist eine Ideal-Elettra, weil sie ihre lyrische Sozialisierung durchhören lässt, aber auch das große Besteck auspacken kann. Zwischen Inniglichem und Hyper-Aplomb bewegt sich das und ist doch stets kontrolliert. Ebenso bei Matthew Polenzani als Idomeneo. In den Koloraturen mag’s etwas schmieren. Aber in der Lyrik wie im heldentenoralen Auftrumpfen bewegt er sich gleichermaßen souverän.
Emily D’Angelo (Idamante) fällt dagegen etwas ab. Das dunkle Timbre und ihre Intensität sind apart, das unruhige Vibrato und die Farbarmut weniger. Olga Kulchynska tastet sich anfangs durch die Höhenlagen der Ilia, singt später beseelter, freier. Caspar Singh (Oberpriester) ist fast überbesetzt, Martin Mitterrutzner darf mit beherztem Tenor-Einsatz beide Arbace-Arien schultern. Überhaupt die Fassung: Die ist eine Promenadenmischung. Mozarts werkfremde Fantasie in D hört man, auch die berühmte Konzertarie „Ch’io mi scordi di te“, deren Urversion einst in einer Wiener „Idomeneo“-Privataufführung erklang. Diese Oper, das muss sich auch Carydis vorwerfen lassen, hat das eigentlich nicht nötig, der Musikdramatiker Mozart noch weniger.
Weitere Aufführungen
am 22., 24. und 26. Juli (alle ausverkauft, Restkarten eventuell unter Telefon 089/2185-1920); Internet-Übertragung am 24.7., 18 Uhr, auf staatsoper.tv.