Sie sind wie im Flug vorbeigegangen, diese 30 Jahre. Glückwunsch für die von Walter Heun 1991 mit Unterstützung der Stadt München gestartete Tanzwerkstatt Europa (TWE), die kein Kunstkonsum-Festival ist, sondern eine zukunftsorientierte Veranstaltungsreihe aus Vorstellungen und Akademie. Die diesjährige TWE, die heute startet, schaut mit berechtigter Nostalgie zurück; den Auftakt im Gasteig bestreiten Choreografen der ersten Stunde: der Schweizer Thomas Hauert, der Portugiese Rui Horta und der Münchner Micha Purucker.
Zugleich verlangt dieses Jubiläum einen Rückblick auf Heuns Werdegang. „Ich habe mich schon mit etwa 14 für Tanz interessiert“, erzählt der 59-Jährige. „Die Mädchen hatten im Sportunterricht Jazzdance. Da hätte ich gerne mitgemacht, durfte aber nur von der Galerie aus zuschauen.“ Veraltete Pädagogik, gottlob. Heun holt das Jazztraining später nach in Jessica Iwansons Münchner Studio. Er trifft an der Ludwig-Maximilians-Universität in der Theater- und Tanzwissenschaft Gleichgesinnte, entwirft 1984, zusammen mit dem Kollektiv „Dance Energy“, das Konzept für ein Produktionszentrum mit Profitraining, gefördert von Stadt oder Staat. Also eine Institution, wie sie dank Kulturminister Jack Lang ab den frühen Achtzigern schon quer durch Frankreich eingerichtet wurde, schlicht benannt „Maison de la Danse“. Ein solches Tanzhaus ist nach Heuns Initiative von vor gut 36 (!) Jahren nun endlich bei der Stadt konkret im Gespräch.
Das Tanzhaus-Projekt als Langzeit-Ziel im Hinterkopf, veranstaltete Heun 1985 erstmals die Tanztage München, vorrangig, um das hiesige choreografische Potenzial überhaupt einmal vorzustellen. „Und 1987 haben Birgitta Trommler (zu der Zeit bereits erfolgreich mit ihrem Tanztheater; Anm. d. Red.) und ich daran gearbeitet, auf Anregung der Stadt den Verein Tanztendenz München zu gründen. Ich habe die Satzung gemacht, die Räume an der Lindwurmstraße 88 gefunden und wurde Geschäftsführer.“ Die geräumigen Dachgeschoss-Studios sind eine ideale Proben- und Produktionsstätte. Trommler, Iwanson, Angelika Meindl, Purucker und Bonger Voges bildeten den Ur-Kern dieser Choreografenvereinigung. Inzwischen sind es 25 Mitglieder. München scheint jetzt auf dem Weg zu einer Tanzstadt.
Noch mal zurück in die Achtziger: Heun, in seiner Verwaltungsposition unruhig mit den Füßen scharrend, will mehr. Er veranstaltet 1986 und 1989 nochmals die Münchner Tanztage, die ihn zu der bundesweiten Aktion BRDance inspirierten. „Nach einer Auslese waren es 19 Partner in 15 Städten, die fünf Monate lang in 120 Vorstellungen zeitgenössischen Tanz aus Deutschland präsentierten. Das war 1990 ein großer Erfolg. Ich hätte mich eigentlich zur Ruhe setzen können“, sagt Heun und lacht. Ein Scherz, denn der damals erst 28-Jährige hatte für 1991 die erste Tanzwerkstatt Europa geplant: „Damit wollte ich ein Trainings-Workshop-Programm für Profis etablieren, sodass die Szene sich verbessern kann. Und zwar in Kombination mit Unterricht für Laien, um auch eine größere Breitenwirkung zu haben.“ Anders jedoch als die renommierte Kölner Sommer-Akademie kombinierte Heun die Tanzkurse mit einer kompakten Vorstellungsreihe, geschickterweise in Koproduktion mit auswärtigen Choreografen.
Dem Titel „Tanzwerkstatt Europa“ gemäß war die übergreifende Idee ein künstlerischer Austausch innerhalb Europas. Zunächst fanden die Endproben der kooperierenden Choreografen in München statt. Nach der Premiere tourte der Abend dann durch die Städte der Koproduzenten. „Aber die Finanzierung“, sagt Heun, „blieb trotzdem ein Problem. Mit der städtischen Hilfe von 160 000 Mark hätte man nicht viel Programm machen können. Zu Beginn halfen die Zuschüsse der Europäischen Union, zu Euro-Zeiten dann die Mittel von Partnerorganisationen. Den Großteil der Einkünfte generieren jedoch definitiv die Workshops.“
Kein Zweifel, dieser Walter Heun, der nicht einmal „ein Kassenbuch führen kann“, entwickelt sich zum klug kalkulierenden Veranstalter. Folgerichtig macht er sich 1993 mit seiner Joint Adventures Agentur selbstständig. Charakteristisch für ihn: All seine Aktivitäten realisieren sich ohne viel Aufhebens. Dass er zwischendurch zweimal Vater wurde, hat man auch kaum mitgekriegt. 1991 initiiert er noch das Nationale Performance Netz, wird künstlerischer Berater, Programmplaner und/oder Leiter für diverse Festivals und für einige Jahre künstlerischer Intendant des Wiener Tanzquartiers.
Und – „ja, klar“ – wird er die TWE auch weiterhin veranstalten: „Das Format ist wirklich so einzigartig, es gibt so viele Freiräume. Wir müssen unsere Strukturen kritisch reflektieren, für die nächsten Jahre ein Spektrum schaffen, in dem wir Arbeiten von Menschen mit Behinderung, unterschiedlichen Alters und sozialen Hintergrunds, unterschiedlicher religiöser Ausrichtung und sexueller Orientierung in einer Atmosphäre der Gastfreundschaft zusammenbringen“, plant Heun in die Zukunft. „Dazu noch bessere Ressourcen: Geld, mit dem man zuverlässig planen kann und nicht bis zur letzten Minute flickschustern muss – das wäre meine Idealbilanz für die nächsten 30 Jahre TWE.“
Tanzwerkstatt Europa
vom 21. Juli bis 6. August, Karten: 089/ 54 81 81 81; weitere Informationen online unter www.jointadventures.net