„Das ist wie Filmmusik“

von Redaktion

VON TOBIAS HELL

Oper ist Hochleistungssport. Selbst wenn sie im Gegensatz zu anderen Disziplinen offenbar nicht als solche gewertet wird und daher auch die Freiluft-Events der Münchner Opernfestspiele nur unter Auflagen stattfanden. So wurde das traditionelle „Oper für alle“ eher zur „Oper für 1500 Auserwählte“, die vor der Großleinwand am Münchner Marstallplatz dennoch kräftigen Auftrittsapplaus spendeten, als der nunmehr Ex-Generalmusikdirektor Kirill Petrenko zu seiner letzten Vorstellung in den Graben des Nationaltheaters stieg.

Falls es noch Argumente brauchen sollte, dass Oper eben keineswegs nur ein elitäres Vergnügen ist, sondern auch eine wichtige soziale Komponente beinhaltet, so wurde hier der eindrucksvolle Beweis erbracht. Denn man hätte dieser Aufführung von „Tristan und Isolde“ angesichts der unsicheren Wetterlage doch auch gemütlich zuhause als Stream oder übers Radio folgen können. Dort wahrscheinlich sogar in besserer Tonqualität als unter freiem Himmel, wo die hyperpräsent abgemischten Stimmen trotz hörbaren Nachjustierens nur wenig von dem vermittelten, was Petrenkos Interpretationen im Saal auszeichnete.

Erfreulich bunt gemischt wie immer das Publikum. Von Familien, die gleich mit drei Generationen anrückten, über neugierige Touristen, bis hin zu einer kleinen Gruppe treuer Stehplatzbesucherinnen, die vergeblich auf Karten für das „Traumpaar“ Anja Harteros und Jonas Kaufmann gehofft hatten. Alle zusammen zwischen den Akten launig unterhalten von Moderator Thomas Gottschalk, der nicht unbedingt mit Opernwissen, aber doch mit viel Opernleidenschaft durch den Abend führte. Dass bei fünfeinhalb Stunden Wagner nicht jeder bis zum Ende durchhielt, gehört bei „Oper für alle“ auch dazu. So etwa vier Italiener, die sich pünktlich zum ersten Auftritt des männlichen Titelhelden erhoben und unter strafenden Blicken der Kaufmann-Fans munter plaudernd das Feld räumten. Doch waren die frei gewordenen Plätze schnell wieder neu vergeben.

Diesmal an drei Studentinnen, die im benachbarten Hofgarten auf die Musik aufmerksam geworden waren und sich spontan in die Schlange der Nachrücker eingereiht hatten. Und nicht nur von ihnen wurde in den Pausen heftig diskutiert. Weniger über die Regie von Krzysztof Warlikowski: „Die Inszenierung hab ich nicht verstanden.“ Aber umso mehr über das Orchester: „Das ist wie Filmmusik.“ Oder die Sängerbesetzung: „Ich find’ das unglaublich, was die mit ihren Stimmen an Emotionen ausdrücken.“

Am Ende dann noch ein klein wenig Volksfeststimmung: Als das Staatsorchester für den sichtlich gerührten Kirill Petrenko ein inbrünstiges „Muss i denn zum Städtele hinaus“ anstimmte, bei dem auch draußen mitgesungen wurde. Gefolgt vom „Rosenkavalier“-Walzer, mit dem die Intendanz des in seiner Loge sinnierenden Nikolaus Bachler drinnen im Haus ihr Ende fand. Doch wie es sich gehört, machte sich die Besetzung umgehend auf den Weg zum Marstallplatz, wo der Applaus noch einmal mindestens ebenso laut aufbrauste wie wenige Minuten zuvor auf der Bühne. Wobei neben dem Titelpaar vor allem Okka von der Damerau und Petrenko frenetisch gefeiert wurden.

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