„Der hat ja wohl ein Rad ab“, mochte mancher Musikliebhaber angesichts des mutigen Mammutprogramms gedacht haben, mit dem Igor Levit am Samstag in Salzburg gastierte. Drei schwere Brocken mutete er sich und seinem Publikum im Großen Festspielhaus zu, darunter Beethovens fast einstündige „Eroica“-Symphonie in der schier unspielbaren Bearbeitung für Solo-Piano von Franz Liszt. „Der hat ja wohl ein Rad ab“, mochte man auch im Hinblick auf den Klavierhocker denken: Als Levit dessen Höhe einstellen wollte, hatte er plötzlich den rechten Knauf in der Hand.
Das erheiternde Malheur sorgte für eine Locker-vom-Hocker-Grundstimmung, wodurch bei der „Eroica“ Pathos-Übermaß von vornherein ausgeschlossen war. Schon im ersten Satz wusste man nicht, was man am meisten bewundern sollte: Beethovens epochale Komposition? Liszts kongeniale Transkription? Oder Levits kolossale Interpretation? Faszinierend, mit welcher Verve sich der 34-Jährige in das komplexe Notengeflecht stürzt, wie klug er einzelne Stimmen heraushebt. Den Trauermarsch im zweiten Satz präsentiert er extrem langsam, ausdrucksstark, wie von schmerzvollem Schluchzen geschüttelt. Dass er dabei am Manierismus vorbeischrammt, dass er im dämonischen dritten Satz spürbar nervös agiert, dass ihm im vierten Satz bisweilen die Puste ausgeht, was er durch übermäßigen Pedaleinsatz zu kaschieren versucht – geschenkt!
Entscheidend ist, dass Levit nie in Routine verfällt, sondern stets aus dem Moment heraus lebendig musiziert, frei gestaltet, an Grenzen geht und dabei immer wieder riskiert, aus der Kurve zu fliegen. Diese Live-Qualitäten machen auch seine Deutung der drei Klavierstücke D 946 von Franz Schubert zum Ereignis. Levit kostet die krassen Kontraste dieser mit technischen Tücken gespickten Musik aus, wobei ihm insbesondere im Pianissimo einige Momente zum Niederknien glücken. Nur das dritte Stück beginnt er arg schnell; er gerät ins Hudeln. Zu viel Pedal verhindert auch bei der Toccata in der siebten Prokofjew-Sonate die nötige Akzentuierung, ohne die der Rhythmus seine elektrisierende Wirkung nicht entfalten kann. In den anderen beiden Sätzen der Sonate zeigt Levit meisterhaft, wie’s geht: Er meißelt brutale Passagen präzise und kristallklar heraus, erspürt die Schönheit in den Dissonanzen und reißt mit seinem so exzessiven wie expressiven Spiel das Publikum buchstäblich vom Hocker.