Boshaft flackernder Glamour

von Redaktion

Der Künstlerverbund – Haus der Kunst holte für seine Biennale große Namen

VON SIMONE DATTENBERGER FOTOS: OLIVER BODMER

Der Künstlerverbund – Haus der Kunst hat sich für 2021 wild entschlossen zu einer Mut-mach-Biennale aufgerafft. Endlich soll’s wieder glitzern und glänzen. Der Titel „The World: reglitterized – Paradise is exactly like where you are right now … only much much better“ posaunt das hinaus, allerdings mit unmissverständlicher Holzhammer-Ironie: „Die wieder glitzernde Welt – das Paradies ist genau dort, wo Sie gerade sind, allerdings viel, viel schöner.“

Diesen boshaft flackernden Glamour nimmt Daniel Knorr gleich beim Entrée in die Schau (Westflügel des Münchner Hauses der Kunst) auf. Glanzfolie krallt sich unsere Aufmerksamkeit; geht man über sie hinweg, gerät man sofort ins Schlingern – und erst recht, wenn man sich genauer umsieht. Die fröhlich bunten Luftwurzeln („Calligraphic Wig“), die um einen herum baumeln, erweisen sich als eher widerlich. Kunststoffschlieren, wohin man blickt, und unter ihnen das, was man Eingeweide nennt – und was sie ausscheiden. Kurator Alexander Timtschenko und Co-Kuratorin Susanne Prinz haben für die Künstlergruppen-Biennale zu den Hiesigen auch richtig große Namen von auswärts eingeladen – und bekommen. Neben Knorr etwa David Claerbout, Thomas Ruff, Jeff Wall, Laurie Anderson und Joseph Beuys selig, der sich mit seinen Kindern verewigt hat, wie sie „Raumschiff Enterprise“ anschauen. Selbst Deichkind sind dabei.

An Knorrs Natur-Groteske dockt das Münchner Gwachs Stefanie Zoche an, die mit ihrer Schwarz-Weiß-Installation „Der Autor der Fichtenborken“ den Borkenkäfer als geheimnisvollen Poeten ehrt: Weiße Rindenstücke mit den „Schrift“-Linien, die wie Platinenelemente aussehen, purzeln in eine Teerpfütze. Und damit die Insekten-Dichtung „wissenschaftlich“ abgesichert ist, liegt noch das „Journal der Gesellschaft für Therolinguistik“ auf, die sich ausschließlich mit Tiersprachen beschäftigt … Das Befremdliche der Natur nimmt Jeff Wall mit „Recovery“ auf. Der Künstler, der mit raffiniert inszenierten Leuchtkasten-Fotografien berühmt wurde, überrascht mit einem Pop-artigen Bild, in das sich nur ein kleines bisschen Foto geschlichen hat. Inszeniert ist die Freizeitidylle trotzdem: Die Heiterkeit ist in Fast-Vereinzelung erstarrt, als wirke plötzlich der Fluch der bösen Dornröschen-Fee.

Andere Säle beschäftigen sich mit Modell, Interieur oder Wahrnehmung und damit, wie man sie zerlegen kann. Da kommt sogar ein richtiger Maler zum Zug, der kürzlich verstorbene Kim Tschang-Yeul. In buddhistischer Ausdauer-Meisterschaft hat der Koreaner 30 Jahre lang Wassertropfen „porträtiert“. Tatsächlich hebt er sie auf eine andere Sphäre. Ähnliches tut der junge Münchner Paul Valentin mit seinem Segelboote-Video, jedoch auf humorvolle Weise. Und er stellt extra eine Bank bereit, damit wir gemütlich aufs Wasser und die Schifferl schauen können. Genauso verführerisch ist der Film von M+M (Marc Weis und Martin di Mattia). Die Münchner haben eine Kammer gebaut, komplett (auch am Boden) mit einer biedermeierlichen Tapete ausgekleidet. Auf dem Bildschirm in der Zelle sehen wir das dazugehörige traute Heim. Allerdings schleicht eine große, grüne Fangschrecke durch die Zimmer. Horror mit „Mad Mieter“, der übrigens bestens zu den Interieur-Fotografien von Rodney Graham im nächsten Saal passt.

Die kleinste Arbeit in „The World: reglitterized“ ist ein Video von Laurie Anderson, womit sie sich selbst auf eine Statuette projiziert; sie teilt uns mit, dass Alexander der Große noch lebt. Die größte Arbeit in der Ausstellung stammt von Claerbout. Auf einer der riesigen Wände in der Mittelhalle des Westflügels wird „Aircraft (F.A.L.)“ zelebriert – und zerlegt. Denn von „Air“ und „Craft“ ist nur noch die Optik und der Mythos geblieben.

Das Flugzeug ist ein überirdisch glänzendes, auratisches Objekt, an dem sich die (scheinbare) Kamera nicht sattsehen kann. Dieses Luftschiff ist indes wahrscheinlich nie geflogen und wird nie fliegen. Selbst als Museumsstück steht es, aufgebockt auf ein Holzpodest, unbeachtet in einer Halle. Einzig ein Wachmann schlurft gelegentlich um die einsame Schönheit. Der faszinierende, digital erstellte Film trauert in Schwarz-Weiß – und mit Ironie – um den Traum vom Fliegen in Zeiten der Klimaüberhitzung.

Bis 10. September,

Mo./Mi./So. 10-18, Do. 10-22, Fr./Sa. 10-20 Uhr; Eintritt 7 Euro; Begleitheft 2 Euro.

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