Der Mann des Vertrauens

von Redaktion

Christian Thielemann bei den Salzburger Festspielen

VON MAXIMILIAN MAIER

Christian Thielemann strahlt übers ganze Gesicht. Er umarmt seine Mezzosopranistin, küsst ihr innig-dankbar die Hand. Elina Garança nimmt diese Huldigungen ebenfalls lächelnd in opulenter Robe entgegen. All das wirkt ein bisschen gemacht nach den „Rückert-Liedern“ von Gustav Mahler, ausgestellt und überkandidelt. Insofern nicht unpassend zum Ort der Handlung, dem Großen Salzburger Festspielhaus.

Musikalisch war diese innige Vertrautheit nicht so offensichtlich. Gewiss stellt Thielemann die kammermusikalischen Aspekte in den Vordergrund und hilft dadurch der Garança. Geschmackvoll singt sie die fünf Lieder, mit charakteristischem, schönem, aber eher hellem Timbre. Die Zeile „Ich bin gestorben dem Weltgetümmel“ ist kein Orgeln mit warmem, üppigem Ton, sondern fast entrückt. Zurückgenommen und schlicht, nicht mehr ganz diesseitig, gelingt dieser Schluss großartig.

Leider kommt eine solche Durchdringung sonst zu kurz. Zu austauschbar wirken die inhaltlich ganz unterschiedlichen Lieder, zu wenig spielt die Garança mit Farben und steigt in den Text ein. Es braucht wohl noch etwas Zeit, damit sie mit diesen Werken auch etwas zu sagen hat. Thielemann hat immer wieder betont, dass ihm Mahler nicht sehr liegt. Bis zum Kitsch hebt er etwa die Harfen-Glissandi am Ende von „Ich atmet’ einen linden Duft“ hervor, fast ironisierend. „Blicke mir nicht in die Lieder!“ fehlt alles Pikante, der verspielte, auch erotische Witz.

So unschlüssig einen dieser Mahler zurücklässt, so überwältigend einleuchtend ist die Deutung von Bruckners siebter Symphonie. Mit den ersten Tönen ist klar: Zwischen Thielemann und den Philharmonikern besteht eine symbiotische Beziehung. Der Bruckner-Zyklus ist die Frucht einer Lockdown-Zusammenarbeit. Geprobt bis ins Letzte, gebannt auf DVDs. Thielemann beherrscht das Orchester bis in kleinste Details, feinste dynamische Schattierungen und spontan empfundene Tempowechsel. Nicht, weil er die Wiener dominieren möchte, sondern weil sie ihm vertrauen. So wie er ihnen vertraut und mitunter die Führung an die Musiker abgibt.

Das Adagio ist keine salbungsvolle Weihestunde. Unendlich zart spielen die Wiener. Erst wenn das schwere Blech hinzukommt, verbreitert Thielemann. Aber er hat den Atem, um auch die schier endlosen Bögen mit Spannung und Leben zu erfüllen. Auch wenn er im Finale die ständig wiederkehrende Themenfigur in immer neuem Gewand klingen lässt, beweist er eine über die ganze Symphonie angelegte, detailliert durchdachte Disposition, die momentan ihresgleichen sucht. Den Schlüssel zu Bruckner hat Thielemann. Ob er auch den zu Mahler findet?

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