Die Geschichte des Albums ist fast ebenso spannend wie die Interpretation selbst. Eigentlich war dieser „Fidelio“ als Live-Mitschnitt aus dem Dresdner Kulturpalast geplant. Corona verhinderte die konzertanten Aufführungen, man traf sich trotzdem dort, sang und spielte eben unter Studio-Bedingungen. Das Problem nur: Chorgesang war damals, im Juni 2020, verboten – also wurde alles ohne Kollektiv aufgenommen. Für die Pizarro-Arie holte man später den MDR-Rundfunkchor, für die übrigen großen Szenen den Chor der Semperoper, die Ensembles steuerten ihre Parts nachträglich bei und wurden dazu gemischt.
Als Hörer merkt man davon so gut wie nichts. Mag sein, dass andere Aufnahmen von Beethovens einziger Oper größere Chor-Wucht entfalten. Aber pure Überwältigung, heißlaufender Furor, Dröhnfeste, all das lag ohnehin nicht in der Absicht von Dirigent Marek Janowski. Der 82-Jährige ist ein mit allen Kapellmeisterwassern gewaschener Genauigkeitsfanatiker. Nichts mit Pedanterie hat das zu tun, sondern mit Sorgfalt und Demut. Man höre dazu nur die herrlich phrasierten Streicherverläufe im Quartett des ersten Akts, überhaupt die Mittelstimmenbehandlung oder die drohend bohrenden Kontrabässe, wenn’s mal ernst und böse wird. Um Beethoven gerecht zu werden, so führen Janowski und seine Dresdner Philharmonie vor, braucht es keine historisch informierte Praxis, sondern einfach genaue Partiturkenntnis. Und einen altmeisterlichen Dirigenten, der um wichtige Scharnierstellen des Werks weiß, und ein Orchester, das sonst im Schatten der Dresdner Staatskapelle steht, zu Hochrespektablem zu animieren.
Lise Davidsen, neuer Star im dramatischen Fach, überstrahlt als Leonore erwartungsgemäß alle. So stark, dass die Tontechniker sie manchmal etwas abblenden müssen. Mittlerweile vertraut sie nicht mehr nur aufs Material ihres Wundersoprans, sondern hat ihre Deutung sehr verfeinert. Christian Elsner (Florestan) bietet mit liedhafter, textgenauer Lyrik dazu einen starken, fast irritierenden Kontrast. Johannes Martin Kränzle zeigt, wie man die gern missverstandene Brüllpartie des Pizarro klug gestalten kann. Georg Zeppenfeld (Rocco), Christina Landshamer (Marzelline), Günther Groissböck (Fernando) und Cornel Frey (Jaquino) sind Luxusbesetzungen. Ein Jammer, hätten die Beteiligten wegen Corona das Handtuch geworfen.
Ludwig van Beethoven:
„Fidelio“. Dresdner Philharmonie, Marek Janowski (Pentatone).