Kopflos sind sie, die Figuren, die Skulpturen, die Figurinen, die Schaufensterpuppen von Yinka Shonibare. Ab und zu bekommen sie einen ausgestopften Kalbskopf aufgesetzt oder eine Petroleumlampe. Häufig jedoch einen Globus, der seinem Gegenüber stets Afrika in unterschiedlichen, oft kolonialen Aufteilungen zuwendet. Von wirklicher Kopflosigkeit kann also bei dem britischen Künstler (Jahrgang 1962), der in Nigeria aufwuchs, keine Rede sein. Das Salzburger Museum der Moderne auf dem Mönchsberg widmet ihm jetzt mit circa 60 Arbeiten eine Werkschau, die 30 Jahre seines Schaffens elegant, amüsant und luftig abbildet (Kuratorin: Marijana Schneider).
„Yinka Shonibare CBE – End of Empire“ heißt die Schau und dreht damit gleich eine hübsche ironische Pirouette. Die Wurzeln des Künstlers liegen nämlich in einem Kontinent, der unter anderen von den Engländern unterworfen und ausgebeutet wurde — inklusive Sklavenhandel. Der Künstler selbst lebt indes nicht nur in Großbritannien, sondern ist dort außerdem hoch angesehen, worauf CBE hinweist. Seit 2004 ist Shonibare Member of the Most Excellent Order of the British Empire, seit 2019 sogar Commander (CBE). Und nun postuliert er das Ende des Reichs – ein herzerfrischender Witz.
Zugleich ist „End of Empire“ der Titel einer Figuren-Installation von 2016. Zwei Globus-Köpfler in den typischen bunten und kräftig gemusterten Shonibare-Klamotten, die im Schnitt an den Herrenanzug vom Beginn und aus der Mitte des 19. Jahrhunderts erinnern, sitzen einander auf einer schönen Wippe gegenüber. Natürlich schauen sie einander mit der Afrika-Darstellung an: ein Spiel, ein Machtspiel und die Auf-und-Ab-Möglichkeiten eines Kontinents und seiner Gesellschaften, die Verhältnisse auf einer Art Waage der Gerechtigkeit auszupendeln: trotz oder gerade wegen der Erinnerung an Imperialismus und Rassismus. Im sehr guten, kostenlosen Informationsheft wird im Zusammenhang mit dieser Skulpturengruppe auf den Ersten Weltkrieg verwiesen. Er wälzte die Weltgeschichte um, sodass der Kolonialismus (der alten Form) zu bröckeln begann.
Das Markenzeichen von Shonibares Kunst – seit der Documenta 11 2002 (Kurator: Okwui Enwezor) weithin bekannt – sind expressiv wirkende Stoffmuster, in die er seine Puppen kleidet. Gemeinhin wird dieses Design mit afrikanischer Bekleidung assoziiert. Dieses Textil mag der Künstler indes so gern, weil es genau in seine Strategie der Kultur-Schichtungen passt: Die Ursprünge der Gestaltung mit Wachs-Batikdruck liegen in Indonesien. Und für die afrikanischen Käufer produziert eine niederländische Firma die Dutch-Wax-Batikstoffe. Auf sie lässt Yinka Shonibare nicht nur Fische, Blumen oder Kugeln drucken, sondern auch versteckte Signale. Beim herrlich kitschigen Rokoko-Liebespaar ist das Chanel-Logo unübersehbar („The Crowning“, 2007); und der Soldat an der Kanone hat auf seinen Rocktaschenklappen „Mama“ als Hilfeschrei stehen („Cannonball Heaven“, 2011).
Neben den Skulpturen, deren Körpersprache und das Spiel der Hände feinsinnig eingesetzt wird, sind im Mönchsberg-Museum auch die opulent-schrägen, „falschen“ viktorianischen Gemälde Shonibares zu genießen, darüber hinaus farbexplosive Stoffbilder, Zeichnungen und Collagen. Sensationell ist seine „Afrikanische Bibliothek“ (2018) mit 4852 Bänden – alle kunterbunt eingebunden in die Shonibare-Stoffe. Gewidmet sind sie per Namensaufdruck den Kämpferinnen und Kämpfern der Unabhängigkeitsbewegung. Hier verwandelt sich unser Unwissen, unsere Ignoranz in eine fröhliche Schatzkammer. Sie wartet freundlich auf uns, damit wir Bücher/Wissen/uns öffnen und lernen: vom vielschichtigen Afrika.
Lernen kann man auch von dem sehenswerten Tanz-Film „Un ballo in maschera“ (2004; realisiert in Schweden), frei nach Verdis Oper. In Bewegungsmustern und Tanz werden am Beispiel der Rokoko-Manierismen Machtrituale aller Zeiten, aller Kulturen gespiegelt: Brutalität, mal subtil, mal offen. Die leicht variierten Wiederholungen machen trotz frecher Ironie das Beklemmende und scheinbar Unentrinnbare dieser Gewaltbeziehungen deutlich.
Bis 3. Oktober
in der Festspielzeit täglich 10-18 Uhr, sonst Di.-So. 10-18 Uhr; Salzburg, Mönchsberg 32 (mit dem Aufzug ab Anton-Neumayr-Platz bequem erreichbar); Infos: 0043/662/84 22 20, www. museumdermoderne.at.