Das zieht sich

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG Quentin Tarantino versucht sich in „Es war einmal in Hollywood“ als Autor

VON ZORAN GOJIC

Romanautoren, die irgendwann einmal ihre Bücher selbst verfilmen, weil das ihrer Meinung nach alle anderen nicht so gut können, die gibt es immer wieder. Ein Regisseur, der seinen eigenen Film noch einmal in Romanform recycelt – das ist ein Kuriosum. Quentin Tarantino, Kino-Wunderkind der Neunzigerjahre, kokettiert bereits seit einiger Zeit damit, bald für immer den Regiestuhl zu räumen. Plan B ist dann offenbar eine Laufbahn als Schriftsteller.

Anders als eine Art Testballon kann man sich die nun nachgelegte Romanversion seines jüngsten Kinofilms „Once upon a Time in Hollywood“ kaum erklären. Seit jeher gab es immer wieder Kritiker-Elogen für Tarantinos Drehbücher; das mag den Mann dazu verleitet haben, sich jetzt an der Kunstform des Schreibens zu versuchen. Allein: Ein Roman ist kein Drehbuch, und das Drehbuch ohne dazugehörigen Film ist wiederum einfach nur Arbeitsmaterial.

All jene, die schon seit Beginn der Tarantino-Mania ihre Zweifel am Kult um die kalifornische Quasselstrippe hatten, werden sich nach Lektüre von „Es war einmal in Hollywood“ wohl bestätigt fühlen. Ohne polierte Bilder, dynamische Montage und exzellente Schauspieler klingen die oft gepriesenen Dialoge ein wenig hohl. Und all das, was man im Film mit Einstellungen, Schnitt und Musik wortlos zeigen kann, muss im Buch beschrieben werden. Die Charaktere müssen eingeführt und ausgeleuchtet werden sowie schlüssig agieren. Beziehungen sollten gezeichnet, Motivationen erläutert werden.

All das sind nicht die großen Stärken des Schriftstellers Tarantino. In Drehbüchern stehen eher stichpunktartig Hinweise, Interpretation und Tiefe kommen von Schauspielern und der Inszenierung. Tarantinos Leidenschaft gehört dem mäandernden Assoziieren, dem Geplänkel über Popkultur und Trivialitäten. Um das auch im Buch praktizieren zu können, darf man dem Protagonisten viel beim Denken zuhören.

Zum Beispiel dem loyalen Stuntman, der im Film überzeugend von Brad Pitt gespielt wird. Und das ist ein kleines Problem, denn leicht erkennbar spricht aus dem Buch das Alter Ego Tarantinos. All die zugegebenermaßen amüsanten Klugscheißereien über europäisches Autorenkino beispielsweise passen nicht zur Figur, hier spricht der Kino-Nerd Tarantino. Was im Film leidlich zusammengeht, also der Abgesang auf das alte Hollywood, die Sehnsucht nach heiler Welt und ein ironiefreier Blick auf Männer, die noch so sein dürfen, wie man das aus dem alten Hollywood kennt, all das funktioniert im Buch nicht. Und spätestens ab Seite 300 muss man konstatieren: Das zieht sich.

Recht bald stellt sich die Frage, wer genau das lesen soll. All jene, die den Film kennen und mögen, werden keinen Mehrwert daraus ziehen. Und eigenständige Literatur, die Tarantino ein neues Publikum erschließen könnte, ist dies leider auch nicht. Beworben wird Tarantino vom Verlag als begnadeter Geschichtenerzähler – was nicht so ganz stimmt. Er ist der Typ, der einem bei einer Party die Ohren blutig quatscht mit Anekdoten und verqueren Gedankensprüngen zu Film, Musik und Populärkultur. Das kann witzig sein, hat aber mit dem Erzählen einer Geschichte nur bedingt zu tun.

Im Kino kann das skurrile Aneinanderreihen von schrägen Einfällen funktionieren, beim Roman ist das eine verteufelt schwierige Angelegenheit. Kurt Vonnegut etwa konnte das meisterhaft, aber der war ein Ausnahmetalent. Er meinte in seinem sehr lesenswerten Buch „A Man without a Country“, es gebe zwei Arten von Autoren. Die einen beziehen sich immer auf ihr eigenes Werk, die anderen beschäftigen sich mit dem Leben. Tarantino genügt es, sich mit seiner erschaffenen Welt auseinanderzusetzen. Es ist die Frage, wer ausreichend Interesse daran aufbringt, ihm dorthin zu folgen.

Quentin Tarantino:

„Es war einmal in Hollywood“. Aus dem Amerikanischen von Thomas Melle und Stephan Kleiner. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 416 Seiten; 25 Euro.

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