80, 50, 1 – das sind die aktuellen Maße von Riccardo Muti. Als da wären: Lebensalter, Mitwirkungsjahre bei den Salzburger Festspielen und Dirigate der Missa Solemnis. Tatsächlich ist es das erste Mal, dass sich der letzte Pult-Cäsar trotz unzähliger Beethoven-Dirigate mit dem Opus summum des Meisters auseinandersetzt. Dabei hatte sich Muti nach eigenen Angaben schon 1972 erstmals in die Partitur versenkt. „Zu große Ehrfurcht“, es blieb vorerst beim Notenstudium.
Die ist nun verflogen, weitgehend wenigstens, wie im Großen Festspielhaus zu erleben ist. Für die großen, komplexen Chorfugen in Gloria und Credo hat Muti kaum eine Idee, da bewegt er sich in der Maestro-Tradition uralter Schule. Oberhalb der Forteschwelle werden die einfach durchgewunken, es gibt wohl Wichtigeres. Das Kyrie zum Beispiel oder das Et incarnatus, wenn Muti die Geburt Jesu als musikalisch kostbares, inwendigstes Klangereignis modelliert.
Es sind also die zurückgenommenen Momente, die Muti interessieren. Und so wird das Sanctus, mit dem Beethoven die Ankunft des Messias als leises, spirituelles Ereignis feiert, zum Höhepunkt. Endlich gibt es Schattierungen, endlich ist auch vom Wiener Staatsopernchor ein Wort zu verstehen – der sonst als diffuse, textbefreite Klangwand den Raum beschallt. Im Benedictus darf Konzertmeister Rainer Honeck so vibratoreich wie geschmackvoll seine Geige singen lassen. Ohnehin, so scheint es, werden von den Wiener Philharmonikern noch am ehesten die Fragen beantwortet, die Muti ans Werk stellt.
Weniger um kantige Akzente, um gemeißelte Dramatik geht es ihm, sondern um Kantables, um weich gezeichnete Bögen. Als Konzept leuchtet das ein, wird allerdings in dieser Truppenstärke und mit arg gemäßigten Tempi zum Schwerlastverkehr, zum Lkw-Slalom im kniffligen Partitur-Parcours. Was nach einem Beethoven à la 70er-Jahre dröhnt, geht großteils aufs Konto des Chores. Der gerät nicht nur in den Sopranen an seine Grenzen. Überhaupt gibt es Irritationen, auch beim eher unterbelichtet tönenden Bass-Solisten Ildar Abdrazakov, dies ausgerechnet während seiner Vorführstelle im Agnus Dei.
Sopranistin Rosa Feola erklimmt locker Beethovens fast unsingbare Extremhöhen, bleibt aber wie Alisa Kolosova (Alt) gern opernhaft. Am souveränsten bewegt sich noch Dmitry Korchak, sein Tenor fräst sich mühelos durchs Riesenensemble. Standing Ovations für Muti, der mit rund 270 Festspieleinsätzen Salzburger Rekordhalter bleibt. Es ist, aber das dürfte nicht zuletzt dem Maestro klar sein, ein erster Entwurf „seiner“ Missa Solemnis. Revision erwünscht, gern – ob Solo oder Tutti – mit einer anderen Gesangsfraktion.
Aufzeichnung
am 29. August, 17 Uhr, auf Arte Concert (auch Mediathek).