„Es muss etwas Neues geschehen.“ So fängt’s schon mal an. Der erste gesprochene Satz von Bettlerkönig Jonathan Jeremiah Peachum, und zwar direkt zum Publikum. Das hat Bertolt Brecht so gewollt. Daran halten sich das Berliner Ensemble, Regisseur Barrie Kosky und die Schauspieler. Nach der jahrelang erfolgreich gespielten, perfekt durchgestylten, prominent besetzten Bob-Wilson-Inszenierung der „Dreigroschenoper“ bietet die aktuelle und bei der Premiere heftig bejubelte Version des von Brecht und Kurt Weill 1928 aus dem britisch-berlinerischen Großstadtdschungel gestampften Welthits eher szenische Reduktionskost.
Das Übel beginnt beim Bühnenbild. Kosky ließ sich von der viel beschäftigten Rebecca Ringst jenes bühnenbreite und bühnenhohe stählerne Klettergerüst bauen, wie sie es gewöhnlich für Regisseur Calixto Bieito bereitstellt; so gesehen vor zehn Jahren an der Komischen Oper, „Gespräche der Karmelitinnen“, sowie 2019 bei der Münchner „Fidelio“-Premiere. Nun also „Die Dreigroschenoper“ am BE, ambitioniert, aber fantasielos in der Ausgestaltung. Hemmschuh und Bremsklotz für Regie und Darsteller gleichermaßen.
Gutwillig ließe sich sagen, dieses in seinen Segmenten geräuschlos verschiebbare Gestell sei ein Symbol für das Straßenlabyrinth der Metropole und gesellschaftlicher wie sozialer Verschlingungen. Doch mit Symbolen lässt sich schlecht Theater machen. Tatsache ist, dass sich auf diesem vielfach verschachtelten Gerüst keine Geschichte erzählen lässt, denn die Szenen bleiben ohne Ort, die Schauspieler haben keinen Raum, sich ihn zu schaffen. Auf jeder leeren Bühne wären sie durch ihre Kunst dazu befähigt. Allerdings hat Kosky „Die Dreigroschenoper“ wohltuend entschlackt. Gestrichen sind die Bettler-Darsteller von Peachums Firma, das Heer der Huren, der Pastor, die Konstabler. Die Hochzeit von Mackie Messer und Polly im Pferdestall findet quasi im Orchester bei den Musikern statt. Und hier erlaubt sich Kosky die tief berührende Anspielung auf die Zeitgeschichte: Mackie Messer entreißt dem Dirigenten die Partitur und lässt sie in einem Zinkeimer in Flammen aufgehen. So wie 1933, fünf Jahre nach der Uraufführung, die Werke Weills und Brechts von den Nazis öffentlich verbrannt wurden.
Je knapper Kosky die Szenen hält, umso genauer hätte die jeweilige Ortsbestimmung sein müssen. Stattdessen ist es so, dass die Schauspieler von Song zu Song, von Hit zu Hit unbestimmt klettern und eilen. Da lehnt die wunderbar aussehende und singende Constanze Becker als Frau Peachum im lüstern halb geöffneten Nerz, Bein zeigend hauptsächlich am Gestänge. Die glänzende Kathrin Wehlisch, ein bemitleidenswerter Polizeichef Brown mit schleichendem Raubkatzengang, kommt auf dieser Bühne nicht so richtig zur Geltung; verschenkt der Kanonensong, den sie mit Macheath in irgendeiner Gerüstnische schmettern muss.
Das alles gilt auch für Tilo Nest als Peachum, Cynthia Micas als Polly und Laura Balzer als Lucy. Wenn auch die beiden Bräute ihr Eifersuchtsduett vor den Kletterstangen singen, wird gerade in diesem Moment besonders deutlich, dass der Opern- und Operettenregisseur nicht viel davon versteht, Schauspielerinnen zu führen (was genauso für Schauspieler gilt). Da helfen auch keine ironisch gemeinten, silbernen Flittervorhänge, die der Inszenierung lediglich einen revuehaften Anstrich verleihen.
Was an diesem Premierenabend hundertprozentig gut läuft, ist die musikalische Seite. Bettina Hoppe als Oberhure Jenny präsentiert den Song vom weisen Salomon so klar und rein, wie er nur selten zu hören ist. Bestechend gut und dabei unaufdringlich auch Josefin Platt als Moritatensängerin.
Musikalisch souverän und zu feiern ist ebenso Nico Holonics. Als Mackie Messer gibt er den Underdog, den optimistischen Loser, dem das Unterhemd besser steht als Anzug mit weißer Brust. Holonics hetzt, singt und tänzelt sich mit Gloria durch die Partie. Was ihm noch fehlt, ist der Glanz. Den Widerspruch produktiv zu machen zwischen dem Gestus der Brutalität, mit dem er seinen Mackie Messer ausstattet, und der hellen Schönheit seines Gesangs, bleibt Regisseur Kosky seinem Hauptdarsteller schuldig. Adam Benzwi und sein kleines Orchester aber leisten alles, um diese Neuinszenierung musikalisch zum Erfolg zu führen.
Nächste Vorstellungen
am 20., 21., 22. August sowie 3. und 4. September,
Karten und weitere Informationen unter
www.berliner-ensemble.de.