Selten steht in einer Oper ein Körperteil im Vordergrund. Bei „Die Nase“ von Dmitri Schostakowitsch ist es so. Mit nur 22 Jahren hat er sie auf Vorlage der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol komponiert. In München war das Werk erst in einer einzigen Produktion zu erleben: 1971 am Gärtnerplatztheater in einer Inszenierung von Bohumil Herlischka. Jetzt läutet „Die Nase“ die neue Ära von Intendant Serge Dorny und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski an der Bayerischen Staatsoper ein.
Jurowski dirigiert selbst die Premiere, die Regie besorgt mit Kirill Serebrennikov ein Mann, der politische Verfolgung in Russland am eigenen Leib erlebt und somit weiß, was es heißt, in einer Gesellschaft fremd zu sein, ja von ihr ausgestoßen zu werden. Es verwundert nicht, dass er dies auch zum Thema seiner Regie machen wird.
Aber um was geht es in „Die Nase“? Der Beamte Kovaljov wacht eines Morgens auf und stellt fest, dass sein Friseur ihm beim Rasieren die Nase abgeschnitten hat. Verzweifelt sucht er sie, wird verspottet und muss feststellen, dass seine Nase sich als großer Herr ausgibt und in St. Petersburg spazieren geht. Als die Polizei die Nase endlich findet, gelingt es Kovaljov nicht, sie wieder im Gesicht anzubringen, worüber er verzweifelt. Eines Morgens aber wacht er auf, die Nase ist wieder an ihrem Platz, und er lebt weiter wie vorher.
Für Serebrennikovs Arbeit spielt die Nase als verschwundenes Körperteil inhaltlich nicht die zentrale Rolle. „Es geht nicht darum, ob die Nase da ist oder weg“, stellt er per Videoschalte klar. Wie in Kafkas Verwandlung verliere Kovaljov urplötzlich und über Nacht seine ganze Identität. Er werde zum Außenseiter einer Welt, in der die große Mehrheit ganz viele Nasen im Gesicht hat.
Was macht Kovaljov nun aus als Mensch? Wie gewinnt er seine Identität zurück? Oder wie erfindet er sie neu? Diese Fragen beschäftigen Serebrennikov. Die Proben liefen, wie schon bei seiner „Parsifal“-Inszenierung im April 2021 an der Wiener Staatsoper, per Videokonferenzen und mit Hilfe von Assistenten ab. Serebrennikov darf sich mittlerweile in Russland wieder frei bewegen, aber nicht reisen. So leitet er zwangsläufig aus der Ferne die Münchner Proben und war doch sehr präsent.
Für Vladimir Jurowski zählt „Die Nase“ zu den wichtigsten musiktheatralischen Werken des 20. Jahrhunderts. Es sei beeindruckend, wie reif sich der junge Schostakowitsch in diesem Werk musikalisch zeigt, aus welch reichem Reservoir an Kunstmitteln er schon schöpfen kann. Diese Oper dürfe man sich daher nicht auf CD anhören: „Die muss man live erleben, in einer Inszenierung!“
Jurowski ist bekannt dafür, dass er vorbildhaft das praktiziert, was Musiktheater ausmacht: Musik und Szene gehen für ihn Hand in Hand, beide Komponenten befruchten sich gegenseitig. So hat der neue Generalmusikdirektor auch Serebrennikovs Erzählansatz ganz verinnerlicht. „Unsere Inszenierung zeigt, dass es in einer ungerechten Gesellschaft unmöglich ist, ein anständiger Mensch zu bleiben, ohne dass man zum Außenseiter wird“, sagt Jurowski. Erst durch den Verlust der Nase werde Kovaljov hier zum Menschen.
Die Hauptrolle des Kovaljov wird Boris Pinkhasovich verkörpern. Er hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der international führenden Vertreter des Baritonfachs entwickelt. Der St. Petersburger sieht das Stück als Sinnbild für die problematischen Seiten Russlands. Da gebe es Menschen, „die mit Macht ausgestattet sind“ und dadurch glaubten, dass sie selbst „Herren der Gedanken und Taten anderer Menschen seien und diese lenken können“.
Tatsächlich verarbeitet Regisseur Serebrennikov Elemente aus dem Russland der Jetztzeit. „Diese werden dann wie eine Collage mit Neuem kombiniert“, sagt er. „Reales wird so verrückt kombiniert, dass es aufhört, real zu sein.“ In dieser Groteske liegt auch für Dirigent Jurowski die große Aktualität, die alle angeht: „Wir halten uns meistens für normale und gesunde Menschen. Aber wenn man mit der Kunst von Beckett, Ionesco, Gogol oder eben dieser Oper von Schostakowitsch konfrontiert wird, dann denkt man: Es ist eigentlich ein ganz kleiner Schritt, der die Normalität vom Wahnsinn trennt.“ Die Geschichte sei so beunruhigend wie faszinierend, weil sie zeige: „Es könnte jeden von uns treffen, jeden Moment.“
Eine Dystopie wird uns daher Serebrennikov zeigen. Obwohl er als Mensch, auch was sein eigenes Schicksal angeht, an das Gute glaubt: „Das Leben ist eine Pflanze, die immer weiter gedeiht. Sie kann selbst Asphalt durchbrechen. Das bedeutet: Das Leben siegt! Und die Kunst gewinnt ebenfalls.“
Premiere
an diesem Sonntag, 19 Uhr,
Telefon 089/2185-1920.