Für mich ist das praktisch Volksmusik

von Redaktion

Christoph Well über die Idee, mit vielen Freunden den Blues neu zu definieren

VON PETER T. SCHMIDT

Warum ist ein Blues eigentlich meistens nur zweieinhalb oder drei Minuten lang? Die Frage hat Christoph „Stofferl“ Well, den jüngsten der „Biermösl“-Brüder, sein halbes Leben lang begleitet. Aus der Idee, diese Grenzen zu sprengen, ist in mehrfacher Hinsicht eine Herzenssache geworden. Mit Wegbegleitern aus dem, was er seinen „musikalischen Kosmos“ nennt, hat Well eine einzigartige CD eingespielt, die den Blues neu definiert.

Stofferl Well, Jahrgang 1959, ist mit Volksmusik aufgewachsen und hat die Klassik studiert. Mit Jazz und Blues, so erzählt er, sei er spät in Berührung gekommen. „Mit 25 hab’ ich ,Honky Tonk Women‘ von den Stones im Radio gehört und geglaubt, die covern den Ringsgwandl. Dabei war’s umgekehrt.“ Noch immer entdeckt Well diese neue Welt. Und das „Nixgscheißerte“, das er sich in Jahrzehnten auf der Bühne angeeignet hat, gibt ihm den Mut zum Experiment. So ein Blues in seiner festen, in zwölf Takte gegliederten Form sei dem Landler mit seinen 16 Takten gar nicht so unähnlich, sagt er. „Für mich ist der Blues praktisch Volksmusik mit einer Blue Note.“

Warum ihn also nicht auch mit Harfe, Akkordeon und Zither spielen? Die Freunde, die er fragte, waren sofort dabei, auch wenn es nichts zu verdienen gab: Alle spielten umsonst, denn der Erlös soll herzkranken Kindern zugutekommen, denen sich Christoph Well besonders verbunden fühlt (s. Kasten).

Jedem weist Well in dem Grundgerüst, das er mit Harfe und Trompete legt, die Tonart zu, die ihm passend schien. So mäandert der 45-minütige „Open Harp Blues“ durch die Tonarten von Kontrast zu Kontrast.

Der Name ist Programm: Stofferls Harfe öffnet sich den unterschiedlichsten Stilarten von Debussy – für Well die Nahtstelle zwischen Jazz und Klassik – über Stubnmusi bis zu einer bezaubernden Interpretation von Keith Jarretts „Don’t ever leave me“. Und erst die Gäste: Vom geradlinigen Blues der Nick Woodland Band bis zu den lebensfrohen Reggae-Rhythmen von La BrassBanda reicht das Spektrum, von Alan Berns an Cydeco erinnernden Akkordeonklängen bis zu Bluesrock-Röhre Conny Kreitmeier, die auf Stofferls Wunsch „Janis-Joplin-mäßig einirummst“.

Maximaler Kontrast auch in den Texten: Willy Michl besingt die Schreckensbilder von Aleppo, Georg Ringsgwandl das „ganz dahaude Viertl von Minga“, aus dem er kommt. Und gleich darauf beichtet Stofferl der Annamirl augenzwinkernd, warum er ihr damals kein Busserl gegeben hat. Altmeister Gerhard Polt räsoniert zum Lamento der Wellküren in einem bairischen Talking Blues über den Materialismus der Gesellschaft, und Andreas Rebers, von   Herbert  Pixner  minimalistisch begleitet, schließt den Reigen beinahe schon meditativ mit seinem Song „Ans Meer“.

Helge Schneider schließlich zeigt, dass es auf den Text nicht unbedingt ankommt: Er schneite vor einem Auftritt im Circus Krone bei Well in Haidhausen herein, trat ans Vibraphon und ließ eine federleichte Melodie von den Schlägeln perlen. Auf Stofferls vorsichtige Frage, ob es dazu auch noch Gesang gebe, sagte Schneider nur: „Lass noch mal laufen“. Dann reihte er – „Oh Baby, one, two, three“ – aus dem Stegreif Versatzstücke aus gängigen Bluesnummern zu einem Nonsenstext aneinander, der dennoch authentisch klingt. Ein Moment, in dem der begnadete Jazzer und der Spaßvogel Helge Schneider einander auf Augenhöhe begegnen.

Die Toten Hosen wagen sich sogar auf Neuland. „Die spielen als Punkband zum ersten Mal einen Blues“, erzählt Stofferl. Und fügt mit Lausbubengrinsen hinzu: „Bei mir deafan s Englisch singa. Dann verstehngan s d’Leut bei uns aa.“

Nur ein Stück ist nicht eigens für den „Open Harp Blues“ geschrieben worden: Von Konstantin Wecker hat sich Well die „Revolution“ gewünscht. Und der Liedermacher demonstriert, was für Well einen guten Blues ausmacht: „Ich lern’ den Menschen,  der da spielt oder singt, ein bissl kennen. Der zeigt mir was von sich.“ Weckers „Revoluzzer“ von 2021 kommt schlichter daher als die Studioversion von 1982. Doch aus ihr klingen drei Jahrzehnte Lebenserfahrung, die zeigen: Wecker hat zu sich selbst gefunden.

Das trifft wohl auch auf Christoph Well zu. Der Open Harp Blues habe „Elemente von meinem Lebenswerk“, gesteht er. Und da gibt es ja noch eine weitere Herzenssache, die mit dem Projekt verbunden ist: Für die zurückhaltende Ergänzung der Aufnahmen – hier noch eine Bläserstimme dazu, dort ein paar Harfenklänge,  ein wenig Bass, Gitarre oder Schlagzeug – und  für  die liebevolle Abmischung hat Well Andreas Rebers’ Tontechnikerin Beate Dichtl um Hilfe gebeten. „Sie hat mir gern geholfen. Und dann haben wir gemerkt: Das passt nicht nur soundmäßig“, erzählt Stofferl, und wieder huscht dieses Lausbubengrinsen über sein Gesicht. Inzwischen heißt die Frau, die letzte Hand an das Werk legte, Beate Well. Musik und Liebe – zwei Sprachen, deren Zauber sich niemand entziehen kann.

Christoph „Stofferl“ Well:

„Open Harp Blues“ (Trikont).

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