Es sind vor allem zwei Sätze, die hängen bleiben an diesem Mittwochabend im Münchner Gasteig. Der eine lautet „Jeder von uns läuft gewissermaßen mit einer Druckerpresse de luxe herum.“ Der zweite fällt gegen Ende der Eröffnung des Münchner Literaturfests: „Schreiben und Lesen sind im Irak revolutionäre Akte.“ Das sagt der 1973 in Bagdad geborene Schriftsteller Abbas Khider.
Von Marina Weisband stammt Satz Nummer eins. Für die Psychologin und (Bildungs-)Politikerin ist die „Druckerpresse de luxe“ das Smartphone, das die meisten Menschen heute bei sich tragen – und das jeden und jede zu potenziellen „Gestaltern“ macht. Denn: „Die Technologie hat uns ein Werkzeug gegeben, das mächtig ist. Wir müssen das nutzen. Sonst benutzt die Technik uns“, sagt Weisband, zugeschaltet aus Münster, in ihrem kurzweiligen, angenehm unkomplizierten und charmant persönlichen Eröffnungsvortrag.
Die Politikerin, die einst bei den Piraten aktiv war und sich heute bei den Grünen engagiert, fordert eine „neue Aufklärung“ fürs digitale Zeitalter. Schließlich sei die Bedeutung des Internets vergleichbar mit der Erfindung der Druckerpresse. „Das Internet verstärkt nur, was wir als Gesellschaft hineingeben.“ Um nicht zu Getriebenen zu werden – Abbas Khider wird später mahnen: „Aktualität ist Gift für die Seele der Literatur“ – brauche es tägliches Miteinander-Lernen, um fit zu werden für die Herausforderungen: „Wir haben die Pflicht, uns gegenseitig zu ermächtigen, um das Beste aus uns herauszuholen.“ Ein Punkt, der auf der Bühne Widerhall findet. Jacob Radloff, Verleger des Münchner Oekom Verlags und Sohn der Fotografin Barbara Niggl Radloff, und Katja Wildermuth, Intendantin des Bayerischen Rundfunks, verknüpfen Weisbands Thesen mit ihrem Arbeitsalltag.
Die von Journalistin Marie Schoess gewohnt souverän moderierte Debatte hätte in der Tat einen eigenen Abend verdient gehabt. Einig sind sich die drei, dass Verlage und Medienhäuser weg müssen vom Gedanken, „Sender“ zu sein. Bei der „sicheren Ausübung unseres Handwerks, also saubere Recherche, ökonomische Unabhängigkeit“, so die BR-Chefin, sei man heute „Dialogpartner“ auf den verschiedenen Plattformen.
Wie viel die digitale Entwicklung mit Literatur zu tun hat, macht letztlich Weisband klar: „Junge Menschen finden ihre eigenen Erzählformen.“ Die in den Social-Media-Plattformen beliebten Memes oder Tik-Tok-Videos seien indes keine Bedrohung des Kulturbetriebs, sondern durch ihre technisch leichte Zugänglichkeit und internationale Verständlichkeit eine echte Bereicherung. Es kommt eben darauf an, was wir daraus machen – und wann wir endlich beginnen, unsere Rolle anzunehmen: „Ein Fünftel des 21. Jahrhunderts ist um, und ich werde immer noch zu Veranstaltungen mit dem Titel ,Das Internet – Segen oder Fluch?‘ eingeladen“, meint Weisband und findet das zu Recht nur bedingt komisch.
Zum Abschluss dieser anregenden, guten Eröffnung liest Khider dann aus seinem Roman „Der Erinnerungsfälscher“, der im Januar bei Hanser erscheint. Und spätestens als er seine Hauptfigur Said durch München irren lässt, ist im Carl-Orff-Saal deutlich zu spüren, worüber die Runde zuvor debattiert hat: die Macht des Erzählens.
Bis 5. Dezember,
das komplette Programm finden Sie online unter literaturfest-muenchen.de.