Sie ist fast nur ein großer Schattenriss: Eine Frau mit Sechzigerjahre-Hochfrisur und -Schuhen mit kleinen Stöckeln ist tief in Hocke gegangen und konzentriert sich voll auf die Kamera, in die sie von oben hineinblickt. Daneben zwei Mal Hannah Arendt: ernst, fast grantig schauend, so wie man sie kennt; daneben herzlich lächelnd. Hat sich da vielleicht die junge Fotografin getraut, zur berühmten Philosophin zu sagen: „Jetzt kommt das Vögelchen“ – und die musste loslachen? Jedenfalls hatte Barbara Niggl Radloff (1936-2010) Humor und ließ sich in ihrem ersten Berufsjahr, 1958, auch nicht von Geistesgrößen einschüchtern. Die waren gerade nach München gekommen zum ersten Kulturkritikerkongress.
Mit diesem Damen-Spiel (das schön zur Arendt-Schau im Literaturhaus überleitet) setzen die Kuratoren Maximilian Westphal und Ulrich Pohlmann das entscheidende Signal für die Ausstellung „Vertrauliche Distanz – Fotografien von Barbara Niggl Radloff 1958-2004“. Man könnte wohl auch sagen: vertrauensvolle und sanft ironische Distanz. Westphal, der eine Masterarbeit über das Œuvre Niggl Radloffs schrieb, betont, dass sie nie inszeniert habe, immer im Raum geblieben sei. Bei Günter Grass sind da nicht nur das ängstliche Zwillingssöhnchen, sondern auch das Bettgestell und das Bild im Zimmer. In dieser heimeligen Umgebung spürt die Aufnahme besonders genau die Spannung zwischen lässigem Vater und aufgeregtem Kind auf. Das Schräge einer Situation fing die Fotografin oft nachgerade genial ein. Bei Lale Andersen 1962 umschwebt sie der Rauch der Zigarette nicht poetisch-bohèmehaft, sondern schießt wie ein Dampfwölkchen aus ihrem Kopf.
Wie gut Barbara Niggl es mit Berühmtheiten und werdenden Berühmtheiten konnte, beweisen die vielen Porträts, die nie „pur“ sind; sie erzählen stets noch zwei, drei weitere Geschichten. Das beweisen aber auch die Kontaktabzüge, die in der Präsentation vergrößert zu sehen sind. Sie sind quasi die Filme der „vertraulichen Distanz“ zwischen zwei Menschen und Dokumente der Vorgehensweise der Fotojournalistin und -künstlerin. Deswegen betont Pohlmann, Chef der renommierten Fotosammlung des Stadtmuseums, dass Niggl „ein gutes, klares Bewusstsein“ ihrer Arbeit gehabt habe.
Geboren in Berlin, aufgewachsen in Feldafing, lernte Niggl am progressiven Institut für Bildjournalismus in München. Und sie kam mit ihrer Arbeit an, ob bei „Quick“, „Twen“ oder „Brigitte“. Sie konnte Mode in Szene setzen, für Reportagen nach Israel, Moskau – davon gibt es sagenhafte Aufnahmen – und Paris reisen, sie durfte Schwabings Flair und Münchens Ruinen einfangen. Nach dem dritten Kind Jacob pausierte sie mit ihrer journalistischen Arbeit. Ab Mitte der Siebziger frönte sie wieder der Porträt-Leidenschaft. Üppiges „Futter“ boten vor allem die Stipendiaten der Villa Waldberta, des Münchner Künstlerhauses in Feldafing. Es gibt also viel zu sehen im Stadtmuseum, zumal das den Barbara-Niggl-Nachlass besitzt: 2500 Abzüge, alle Negative mit 50 000 Bildern.
Bis 20. März 2022,
Di.-So. 10-18 Uhr; 089/23 32 23 70; Katalog, Schirmer/Mosel: im Museum 29,80, im Handel 39,90 Euro