Was wäre Liebe ohne Leiden

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG Adele begeistert mit viertem Album „30“

VON KATJA KRAFT

So blöd kann ja keiner sein! Da hat man im Casino des Lebens sein Wertvollstes auf den Tisch gelegt. Das eigene Herz, bittesehr. Und – verliert. Doch statt zu sagen: Gut, das war’s jetzt, ich bin raus aus dem Spiel, das sich „Liebe“ nennt, kauft man das pochende Herzlein zurück. Kostet nur ein bisschen Selbstachtung und ein paar Jetons Stolz. Und nun nix wie weg vom Spieltisch! Von wegen. Wie ein Junkie legt man nach. Runde um Runde um Runde. „Love is a Game/ For Fools to play“ – Die Liebe ist ein Spiel für Narren, singt Adele, nach diesem Maßstab vermutlich eine der größten Narren überhaupt. Mag sie auch keinen Alkohol mehr trinken und fleißig Sport treiben, wie sie’s Oprah Winfrey am vergangenen Wochenende zur besten Sendezeit erzählt hat – wir wissen alle, dass die 33-Jährige schwer spielsüchtig ist. Immer bereit für eine neue Partie Liebe.

Als Fan würde man natürlich einen Teufel tun, ihr eine Entziehungskur zu empfehlen. Co-abhängig, wie man ist. Nur damit keine Missverständnisse entstehen, es tut einem freilich ganz schrecklich Leid für die Sängerin, dass es schon wieder nicht geklappt hat mit dem großen Glück zu zweit. Wie berichtet, ging ihre Beziehung mit Simon Konecki, dem Vater ihres heute neunjährigen Sohnes Angelo, vor drei Jahren in die Brüche. Aber, mein Gott, die Maschine Adele läuft halt am besten, wenn ihre Stimmbänder mit ein bisschen Schmerz geölt sind. Mama needs her Drama. Keine leidet so wohlklingend wie Adele.

2008 tat sie’s auf ihrem Debüt „19“, 2011 folgte „21“, vier Jahre später „25“. Nun also „30“. Eine Wahnsinnsstimme hatte sie vom Beginn ihrer Karriere an. Oscar, Golden Globe und 15 Grammys, mehr als 100 Millionen verkaufte Tonträger machten sie zu einer der erfolgreichsten Sängerinnen des 21. Jahrhunderts. Doch wie es der Privatperson Adele Laurie Blue Adkins in den vergangenen Jahren ergangen ist, darauf liefern all die Erfolgszahlen keine Antwort; was sie im Innersten bewegte, davon erzählen ihre Songs. Voller Mut zur Ehrlichkeit.

Also dann, auf einen (alkoholfreien) Wein mit Adele. Track 7: „I drink Wine“, Piano, Chor und eine Stimme, der man jedes Wort abnimmt. „You better believe I’m tryin’/ To keep climbin’/ But the higher we climb feels like we’re both none the wiser“ Sie klettern und klettern, doch landen immer wieder auf dem Boden der Tatsachen. Geschichte vom Ende einer Beziehung. Adele wollte, so hat sie es selbst beschrieben, einen Song in der Manier vom Siebziger-Jahre-Elton-John kreieren. Hat geklappt, aber mit einer fantastischen Prise 2020er-Jahre-Soulkönigin.

Adele hat in ihrer Kindheit selbst unter der Abwesenheit ihres Vaters gelitten. In „Can I get it“ hört man, wie sehr es die Künstlerin schmerzt, dass ausgerechnet sie sich nun vom Vater ihres Sohnes getrennt hat. Als wollte sie dieses unangenehme Kapitel ihres Lebens ganz schnell hinter sich bringen, treibt der Song voran. Für immer versprochen, doch gebrochen.

In einem der schönsten Lieder der Platte wird dann deutlich, dass die Beziehung vorbei sein mag – aber in keiner Sekunde vergebens war. Weil sie der Sängerin etwas geschenkt hat, was erfüllender ist als jeder Nummer-1-Hit: „My little Love“ ist eine Liebeserklärung an ihren Sohn. Ein paar Sätze von ihm sind darin auch zu hören. Und: ihre von Tränen fast erstickte Stimme. Doch der nächste Mutmachsong ist nur ein paar Klicks entfernt: In „Hold on“ ermuntert Adele alle Hoffnungslosen da draußen: „Halte durch, lass dir Zeit, bleib geduldig – bald kommt die Liebe, halte einfach durch.“

Fühlt sich gerade nicht so an? Na, dann aber fix weiter zu Song 8: „All Night Parking“. Das ist nicht nur eine wunderschöne Hommage an Erroll Garner, sondern klingt auch ganz so, als hätte die 33-Jährige tatsächlich ein neues leidenschaftliches Abenteuer begonnen. Ja, Adele, spiel weiter! Bleib narrisch! Auf dass es niemals heißen mag: Nichts geht mehr. Denn – ein bisserl was geht immer.

Adele:

„30“ (Sony).

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