Wir Rückfalltäter

von Redaktion

PREMIERENKRITIK Münchner Kammerspiele zeigen Neufassung von „Heldenplatz“

VON ULRIKE FRICK

Strahlende Gesichter, Jubel und Begeisterung überall, Heil-Rufe und erhobene rechte Arme, wohin das Auge sieht. Zehntausende Menschen stehen dicht gedrängt auf dem Wiener Heldenplatz und warten an diesem sonnigen 15. März 1938 darauf, dass Adolf Hitler sich endlich auf dem Balkon der Hofburg zeigt und den „Anschluss“ der Republik Österreich an Nazideutschland verkündet.

50 Jahre danach fand ganz in der Nähe die Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater statt. Wieder sind viele Menschen rund um Hof- und Volksgarten zu sehen. Doch diesmal, um gegen Bernhards Abrechnung mit dem auch Jahrzehnte nach Kriegsende schwelenden Antisemitismus im Land zu demonstrieren. Dabei war der in Österreich seit 1986 sogar weltweit erkennbar. Da wählte man den ehemaligen SA-Mann Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten.

Trotz der nachfolgenden politischen Isolation des Landes und obwohl Waldheim vom Jüdischen Weltkongress auf die Beobachtungsliste mutmaßlicher Kriegsverbrecher gesetzt wurde, hielt die österreichische Politik bis zum Ende seiner Amtszeit 1992 an diesem Mann fest. Daher war 1988 der große Skandal eben auch Bernhards Drama und seine Aussage, dass alle „Österreicher nach dem Krieg viel gehässiger und noch viel judenfeindlicher“ geworden sind – und nicht, dass Waldheim nach wie vor in Amt und Würden in der Hofburg saß.

Für seine Neuinterpretation von Bernhards „Heldenplatz“ montiert Regisseur Falk Richter an den Münchner Kammerspielen jetzt unter anderem Dokumentarmaterial aus dem Wien der Jahre 1938 und 1988 aneinander und zeigt es auf großen Bildschirmen auf und neben der konsequent im Hakenkreuz-Farb-Dreiklang SS-Uniform-Schwarz, Blutrot und eiskaltem Weiß gehaltenen Bühne. Er kombiniert das aber auch mit Filmausschnitten deutscher Provenienz. Schließlich geht es Richter nicht mehr um Österreichs nach wie vor verhängnisvolle Nähe zum Rassismus und Revanchismus, sondern um die hierzulande sehr vergleichbare Lage.

Daher wundert man sich in den ersten zwei Akten ein wenig. Zwar spielen etwa Annette Paulmann als Frau Zittel oder Wiebke Puls als Anna ihre Rollen bravourös. Zudem gibt es ein wunderbares Wiedersehen mit Wolfgang Pregler als Bernhards Alter Ego Onkel Robert. Trotzdem lag Falk Richters Stärke bislang mehr im Erschaffen ureigener Werke und dem guten Gespür für aktuelle gesellschaftliche Strömungen. Einfach nur den – zugegeben nach wie vor grandiosen Bernhard-Text – mit seinen Wiederholungen spielen zu lassen, das scheint gar nicht zu Richters Anspruch zu passen.

Aber kaum daran gedacht, legt Richter schon los: Vor den dritten und letzten Akt schiebt er einen neuen Zwischenakt „mit chorischen Passagen“ aus seinen eigenen Texten ein. Da wettert er recht bernhardesk los, wenn auch eher mit dem Breitschwert als mit dem Florett. Gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und die längst salonfähig gewordene Rechte geht es in den WutTiraden. Gegen radikale Minderheiten, Querdenker und Aluhutträger, aber auch gegen alle, die glauben, die deutsche Vergangenheit sei inzwischen ausreichend bewältigt. Die Leinwände zeigen das entsprechende Bildmaterial, von Hanau bis Halle, von Beate Zschäpe, Donald Trump und Viktor Orbán und dem jungen Jörg Haider oder H.C. Strache bis zu Friedrich Merz, Edmund Stoiber, Markus Söder und immer wieder Franz Josef Strauß, der 1983 sagte: „Wir Deutsche brauchen uns nicht als ein Volk von Missetätern zu fühlen! Die moralische Substanz der Nation blieb erhalten.“ Was damals wie heute als Drohung verstanden werden kann.

Dazu wertet Richter drei Figuren, die bei Bernhard nur als Stichwortgeber fungierten, zu eigenständigen Charakteren auf. „Wir dürfen den Konservativen nicht noch einmal erlauben, den Nationalsozialisten wieder zur Macht zu verhelfen“, heißt es einmal. Gleichzeitig entlarvt Richter aber auch die bloßen Lippenbekenntnisse der Intellektuellen von heute, der Linken und Liberalen, mahnt zu Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit. Und schält damit eine neue, höchst aktuelle Botschaft von „Heldenplatz“ heraus.

Weitere Vorstellungen

heute sowie am 22. und 29. Dezember; Telefon 089/23 39 66 00.

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