Bis zum Glitzern im Augenwinkel

von Redaktion

Die Salzburger Festspiele präsentieren ihr Programm für den Sommer 2022

VON MARKUS THIEL

Kein Tränchen kullerte, nicht einmal ein Glitzern im Augenwinkel war erkennbar. Weil sich Helga Rabl-Stadler einfach bestens gewappnet hatte – mit einer Salve von Zahlen, die sie zur letzten Programmvorstellung in ihrem Amt als Präsidentin abfeuerte. 27 Jahre an der Spitze der Salzburger Festspiele, das hieß für sie: sechs Intendanten, zehn Kunstministerinnen und -minister, 5626 Veranstaltungen und 6 094 994 Besucherinnen und Besucher. „Ich flüchte mich in Zahlen, damit mich die Rührung nicht übermannt. Oder überfraut – ich bin ja überzeugte Feministin.“

Die nächsten Salzburger Festspiele, die vom 18. Juli bis 28. August 2022 dauern, darf Rabl-Stadler nur mehr als Pensionistin miterleben; nachfolgen wird ihr wie berichtet ab Januar die Unternehmerin Kristina Hammer. Es ist ein gewohnt umfangreiches Programm geworden, und doch spürt man die Covid-Langzeitfolgen. Nur drei echte Opernpremieren gibt es zum Beispiel, wobei Intendant Markus Hinterhäuser listig von vier sprach. Bartóks „Blaubart“ und Orffs „De temporum fine comoedia“ kommt allerdings als Doppelabend heraus.

Dazu gibt es zwei Neueinstudierungen. Salzburg, so könnte man es positiv ausdrücken, pflegt hier die Werkstattidee à la Bayreuth. Oder anders gesagt: Lydia Steier („Zauberflöte“) und Shirin Neshat („Aida“) müssen für ihre gescheiterten Premieren nachsitzen. „Ich habe nie den Eindruck verloren, dass Shirin Neshat bei der Lesart der ,Aida‘ Entwicklungsmöglichkeiten hat“, drückte es Hinterhäuser aus. Derzeit läuft übrigens in Münchens Pinakothek der Moderne eine große Retrospektive der iranischen Künstlerin, Fotografin und Filmemacherin.

Die wichtigste Vokal-Aufgabe schultert 2022 Sopranistin Asmik Grigorian. Die einstige legendäre Salzburger Salome singt alle drei Hauptrollen in Puccinis „Trittico“. Damit dürfte Anna Netrebko an der Salzach entthront sein, sie taucht im neuen Programm auch gar nicht mehr auf. In der Opernregie vertraut Hinterhäuser mit Christof Loy, Barrie Kosky und Romeo Castellucci auf bewährte Namen. Letzterer dürfte, nach seinem gescheiterten „Don Giovanni“ im vergangenen Sommer, beim symbolistischen Bartók-Orff-Abend besser aufgehoben sein.

Zwei konzertante Opern runden das Programm ab: Rihms „Jakob Lenz“ mit Georg Nigl in der Hauptrolle und Donizettis „Lucia di Lammermoor“ mit Lisette Oropesa. Riccardo Muti dirigiert diesmal keine Oper, sondern „nur“ ein Programm der Wiener Philharmoniker. Ein besonderes Detail aus den Konzertserien: Der dann 95-jährige Herbert Blomstedt leitet das Gustav Mahler Jugendorchester.

Im Schauspiel gibt es vier Premieren, wobei auch hier bei „Reigen“ und „Iphigenia“ dem Theatertrend gefolgt wird, Klassiker zu überschreiben oder umzubauen. Nachdem das neue Paar für den „Jedermann“ 2021 so eingeschlagen hat, bleibt es auch im kommenden Jahr bei der Besetzung Lars Eidinger (Titelrolle) und Verena Altenberger (Buhlschaft). Die Wiederaufnahme des Gründungsstücks der Festspiele aus der Feder von Hugo von Hofmannsthal eröffnet am 18. Juli die Festivalwochen.

„Es ist immer noch eine Situation, die es uns nicht gerade leicht macht, zu sagen, was letztendlich realisierbar sein wird“, sagte Intendant Hinterhäuser bei der Präsentation. Welche Infektionswelle mit möglichen Folgen sich im Sommer 2022 auftürmt, vermag schließlich keiner vorherzusehen.

In den vergangenen beiden Jahren waren die Salzburger jedoch so etwas wie Leuchtturm oder Ankerpunkt für die internationale Kultur. Beide Male konnten, wenn auch reduziert, Festspiele stattfinden. Und beide Male kam es zu keiner nennenswerten Corona-Ansteckung. Ein ausgeklügeltes Hygienekonzept und die Gewissheit, dass Kultur unter solchen Voraussetzungen so gut wie ungefährlich ist, gaben den Festspielen Recht. Hinterhäuser betonte daher erneut, er lehne „vorauseilenden Pessimismus“ ab.

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