Mit strengen Corona-Regeln und einer großen Portion an Zuversicht haben die Wiener Philharmoniker das dritte Pandemiejahr eingeläutet. Unter der zurückhaltenden Leitung von Daniel Barenboim ließ das Orchester Korken knallen, sang von Vergnügungen und beschwor den mythologischen Vogel Phönix als Symbol des Neubeginns. In dieser schweren Zeit sei das Zusammenspiel des Orchesters ein Symbol für den Zusammenhalt, den die Welt brauche, sagte Barenboim. Covid-19 sei eine medizinische und eine menschliche Katastrophe. „Es ist eine Katastrophe, die uns auseinanderdividieren will.“
Die Musikerinnen und Musiker hatten dem Auftritt vor Publikum entgegengefiebert, denn im Vorjahr musste er vor leeren Rängen stattfinden. Aus Sorge vor Omikron wurde die Zahl der Zuschauer allerdings von 1700 auf 1000 reduziert. Die Gäste mussten eine vollständige Grundimmunisierung und einen negativen PCR-Test vorweisen sowie FFP2-Masken tragen.
Österreichs Kanzler Karl Nehammer blieb dem Konzert fern und verfolgte es im Fernsehen. Angesichts der bevorstehenden Omikron-Welle wäre ein Besuch das „falsche Signal“, schrieb er auf Facebook. Die Staatsspitze war durch Bundespräsident Alexander Van der Bellen vertreten.
Die Wiener Philharmoniker bewahren bei Auftritten oft einen stoischen Ausdruck. Am Samstag spielten viele jedoch mit einem Lächeln. Die jahrzehntelange Verbundenheit des Orchesters mit Dirigent Barenboim war spürbar: Der 79-Jährige achtete auf einen klaren, leichten Klang und legte den volksmusikalischen Hintergrund der Walzer und Polkas frei. Dabei arbeitete er mit minimalen Gesten und sorgte dafür, dass nie zu viel Überschwang aufkam. Besonders viel Jubel brandete nach dem Walzer „Sphärenklänge“ von Josef Strauß (1827-1870) auf. Das Publikum war auch von den mehrstimmigen Sing- und Pfeifkünsten begeistert, die das Orchester in Carl Michael Ziehrers (1843-1922) Walzer „Nachtschwärmer“ präsentierte. Die Textzeilen „Woll’n wir nach Hause geh’n, oder wir bleib’n noch hier, bist du dafür?“ deuteten angesichts der derzeit frühen Corona-Sperrstunde in Österreich hoffnungsvoll in post-pandemische Zeiten. Einen Schritt in die Gegenwart machte die Tanzeinlage des Konzerts, das für ein Millionenpublikum in 92 Länder übertragen wurde. Der Ballettchef der Wiener Staatsoper, Martin Schläpfer, schuf eine erfrischend moderne Choreografie mit kraftvollen Frauen-Soli zu „Tausend und eine Nacht“ von Johann Strauß (1825-1899). Zu „Nymphen“ von Johanns Bruder Josef tänzelten Lipizzanerhengste der Spanischen Hofreitschule in Wien. Diese zarte Polka liege den Tieren eher als der kämpferische „Persische Marsch“, den man auch in Erwägung gezogen habe, sagte Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer. Nach Barenboim, der das Neujahrskonzert schon drei Mal dirigiert hat, wird am 1. Januar 2023 Franz Welser-Möst die traditionelle Veranstaltung leiten.
Das Neujahrskonzert 2022
erscheint am 14. Januar als CD und am 28. Januar als LP, DVD und Blu-ray (jeweils bei Sony). 3sat zeigt am Samstag von 20.15 Uhr an einen Mitschnitt des Konzerts.
Franz Welser-Möst leitet das Konzert am 1. Januar 2023