Eines haben die Münchner den Wiener Philharmonikern am Jahreswechsel voraus: Beethovens Neunte läuft nie, im Gegensatz zur Walzer-Polka-Sause, auf Autopilot. Schon allein aus Koordinationsgründen nicht. Und am allerbesten ist es, wenn der Götterfunke nicht in Routine verfunzelt, sondern tatsächlich neu angefacht wird. Insofern war Antonello Manacorda in der Isarphilharmonie eine aparte Wahl. Der Norditaliener und Wahlberliner spielte einst als Konzertmeister in Claudio Abbados Mahler Chamber Orchestra und hat sich mittlerweile bei renommiertesten Ensembles als Gast etabliert.
Manacorda dirigiert der Welt beliebteste Silvester-Symphonie nicht als repräsentatives Ereignis – was ganz im Interesse des skeptischen Schöpfers ist. Streng, schroff, schrundig klingt das in den ersten beiden Sätzen. Als solle man dem Werk bloß nicht zu nahe kommen. Und weil Manacorda schon lange Chef der Potsdamer Kammerphilharmonie ist, verlangt er auch von den Münchner Philharmonikern entsprechende Tugenden. Die da wären: Wendigkeit, Reaktionsstärke, zügige Tempi, viele schnell aufglimmende Details. Nicht immer rastet das, zumindest im ersten der beiden Konzerte, sofort ein.
Durch einen eng gesteckten Slalom wird das Ensemble getrieben und darf erst im Adagio aufblühen. Manacorda führt Soli und Instrumentengruppen elegant durch die Phrasen. Das Finale ist dann wie eine Befreiung. Das Freudenthema entfaltet und steigert sich in aller Kantabilität. Doch nie ist das Zelebrieren oder Ausruhen auf dem Effekt. Der Philharmonische Chor bleibt – trotz viel Abstand – in engem Kontakt zum Maestro. Gesungen wird so homogen wie trennscharf und nie überreizt. Was Wunder, die von Andreas Herrmann trainierten Damen und Herren sind keine Ersttäter und kennen ja die Tücken des Stücks. Lenneke Ruiten, Idunnu Münch, Pavel Černoch und Brian Mulligan wahren die Soli-Balance und gute Vokalerziehung. Die versprengten Häufchen im Saal mühen sich um heftigen Beifall. An 25 Prozent Auslastung wird und darf man sich nie gewöhnen.