Leiwand!

von Redaktion

So kann 2022 weitergehen: Beschwingtes Neujahrskonzert am Gärtnerplatztheater

VON KATJA KRAFT

Was hat mal wieder jeder auf der Vorsatz-Liste fürs neue Jahr vergessen? Tja, all die „Weniger Süßes“- und „Weniger Alkohol“-Gelobenden werden sich noch wundern, wenn sie Ende Januar zwar ganz vorbildlich viel Verzicht geübt haben – und trotzdem eine Leere spüren. Nicht im Magen. Im Herzen. Denn im Grunde braucht’s nur einen Vorsatz. Der lautet: mehr Kulturgenuss! Da kommt das Glück, das wir uns ja letztlich von der Selbstkasteiung versprechen, garantiert. Jo-Jo-Effekt ausgeschlossen.

Wie selig denn auch die Gesichter all derjenigen, die eine der Karten des reduzierten Kontingents für das Neujahrskonzert im Gärtnerplatztheater ergattert hatten. Zwei Stunden Operetten- und Walzerglück mit obligatorischem Radetzky-Marsch-Finale. Wenn Mitklatschen ironiefrei lustig ist, muss der 1. Januar sein.

Im ersten Haus am Gärtnerplatz wissen sie einfach, wie man Lebensfreude verströmt. Eduard Wildner gibt den Oberkellner Johann, der in Kaffeehauskulisse die passenden Anekdoten aus der K.-und-k.-Monarchie erzählt, bei Bedarf unnachahmlich wienerisch, mit dieser leichten Arroganz in der Stimme. Bestens aufgelegtes Ensemble und Orchester bringen die Geschichten und mit ihnen die damalige Zeit zum Klingen. Angeleitet im Wechsel von Kapellmeister Oleg Ptashnikov und Chefdirigent Anthony Bramall, der gleichzeitig als Conférencier mit launigen Erinnerungen an die Entstehung der jeweiligen Werke durch den Abend führt. So voller Überschwang leitet Bramall das Staatstheater-Orchester, dass sein Dirigentenstab einmal selbst auf „Fledermaus“ macht und in hohem Bogen davonfliegt. Macht nichts, aus dem Walzertakt bringt hier keinen was.

Julia Sturzlbaum nicht einmal nach zwei Gläsern „Budapest Barbecue“, von Bramall höchstselbst auf der Bühne gemixt („Denn bis hierher wurde eindeutig zu wenig getrunken“). Sechs Teile Pfirsichpüree, zwei Teile Cranberrysaft, zwei – „ach, komm, drei!“ – Teile Gin. Kräftig mit Eis verrührt – und dann von der Sopranistin aus zwei Gläsern heruntergestürzt. Zauberhaft, wie sie danach über die Bühne torkelt, Johann Strauß’ „Schwipslied“ auf den Gin-benetzten Lippen. „Und ich muss lachen, vor Glück muss ich lachen! Auch weil ich Lust hab, was Dummes zu machen“, singt sie kichernd – und verpasst dem Chefdirigenten mit breitem Grinsen einen kräftigen Klatsch auf den Po. So originell ist „Dinner for one“ à la Gärtnerplatztheater.

Neben Sturzlbaum nehmen uns Lucian Krasznec, Daniel Gutmann, Matija Meić und Alexandra Reinprecht an diesem launigen Abend mit an die blaue Donau. Tanzend und räderschlagend, dann wieder schmachtend und sehnsuchtsvoll lassen sie die fatalistische Ausgelassenheit des Fin de Siècle lebendig werden. Kurz vor Schluss steigern sie sich gemeinsam in schönste Operettenseligkeit, zu Emmerich Kálmáns „Jaj, mamám, Bruderherz, ich kauf’ mir die Welt!“ „Dieses ganze Jammertal ist für mich ein Nachtlokal“, singen sie darin an einer Stelle. So lebensfroh darf 2022 weitergehen. Leiwand!

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