Dass ihm das eher heute als morgen lieb wäre, ist leicht zu erkennen: Natürlich kann es einem, der vom Plattenverkauf lebt, nur recht sein, wenn im Gegensatz zur formlosen Masse digitaler Musik wieder ein analoges, in jeglicher Hinsicht greifbares Medium gefragt ist. Auf die zum Beruf gewordene Leidenschaft von Tobias Kirmayer aber haben Moden offenbar keine Auswirkungen: Tramp Records gibt es seit gut 20 Jahren – und nach Lage der Dinge wird es das Unternehmen aus Fahrenzhausen im Landkreis Freising auch in 20 Jahren noch geben.
Die kleine Plattenfirma bedient schließlich eine Nische, die seit jeher auf Vinyl gehört: Rare Grooves, handverlesen und mit umfassenden Erläuterungen in oder auf der Plattenhülle garniert. Fürs Tagesgeschäft eines produzierenden Soul- und Funk-Raritäten-Archivars bedeutet der von den großen Firmen vorangetriebene Vinyl-Hype eher, dass die Produktionskette ins Stocken gerät: Der Rohstoff Vinyl ist knapp geworden, Plattenpressen sind notorisch überlastet.
Als Kirmayer 2003 seine erste Single veröffentlichte, hätte er nie gedacht, dass er sich einmal solche Gedanken machen müsste. Aus reinem Spaß an der Freud’ hatte er sich entschlossen, sein erjobbtes Geld in die Wiederauflage eines Songs zu stecken, dessen rohe Energie ihn begeisterte: „Nothin’ but a Party (Part 1)“, aufgenommen 1971 von „The Blenders“ in North Carolina und veröffentlicht als Single auf Cobra Records.
Da spielbare Originalausgaben rar waren und Kirmayer nicht nur als DJ von dem Gedanken beseelt war, „seine“ Musik zu teilen, nahm er Kontakt zum Rechteinhaber Parman Musik auf. Er erhielt die Erlaubnis für eine Neuauflage, die er höchstpersönlich in die Münchner Plattenläden trug. Als Basis dienten nicht die Originalbänder, sondern eine gut erhaltene Originalausgabe der Single.
Dass der heute 43-Jährige so manchen Schatz besitzt, der sich jederzeit als Basis für eine Neuveröffentlichung in „seinem“ Revier zwischen Funk, Soul, Jazz, Folk und Afro Beat eignen würde, hat er im Grunde seinem Bruder zu verdanken. Der kam nämlich Ende der Achtzigerjahre mit einem Packen Hip-Hop-Platten aus den USA zurück. Gespannt starrte der fünf Jahre Jüngere auf die Plattenspielernadel, die eine unerhörte Mischung aus Sprechgesang über Funk-Versatzstücke aus der Rille kratzte. Weniger das, was die Jungle Brothers oder Public Enemy dazu trieben, faszinierte Tobias Kiermayer. Viel mehr die unbändige Kraft jener Musik: Funk und Soul in ihrer ursprünglichen Form, aufgenommen meist Mitte der Sechziger bis Mitte der Siebziger.
Wenngleich damals die CD als Medium der Zukunft galt, investierte der 16-Jährige sein Taschengeld in ihren archaischen Vorgänger. Dabei suchte Kirmayer weniger bestimmte Künstler. Ihn interessierte einfach das Gefühl, das ihre Musik weckte. Bis heute spielt es für ihn keine Rolle, ob James Brown, Kool & The Gang oder The Meters zu hören sind oder „nur“ ein paar motivierte Freunde, die im Wohnzimmer ihrer Großmutter ein paar Songs auf Band aufgenommen haben: Wenn’s Kirmayer reißt, dann reißt’s ihn eben. Dieses Gefühl ist der rote Faden, der sich durch alle „Tramp“-Veröffentlichungen zieht.
Kirmayers Lieblingsformat bleibt das kleine Schwarze: Sieben-Zoll-Singles, die mit 45 Umdrehungen pro Minute abgespielt werden. „Das, was ich rausbringe, ist schon sehr rough“, sagt er. Das scheint seine eingeschworene Kundschaft nicht zu stören – im Gegenteil. Tramp Records ist weltweit eines unter hundert Labels, das diese Nische bedient. Sein weithin geschätztes Alleinstellungsmerkmal: die hingebungsvolle Akribie, mit der Kirmayer seine Veröffentlichungen produziert.
Um informative Texte schreiben zu können und so die jeweilige Musik in den richtigen Zusammenhang zu setzen, nimmt Kirmayer direkten Kontakt zu den Künstlern auf – oder zu deren Nachfahren. Meist erfährt er Dankbarkeit, weil sich jemand überhaupt für eine Kleinstveröffentlichung interessiert, die beispielsweise vor mehr als 50 Jahren im Rahmen eines Studio-Komplettangebots entstanden ist. Ehrensache, dass er den Musikern oder ihren Nachfahren eine Beteiligung an den Einkünften zahlt und auf dem Cover ihre Geschichte erzählt. „Das ist für mich extrem wichtig, dass alles Hand und Fuß hat.“
Seine vornehmste Aufgabe allerdings ist es, neue und neue alte Musik zu entdecken, die man wiederauflegen könnte. „Ich erlaube mir, nach 30 Jahren Beschäftigung mit dem Genre zu sagen, dass ich höre und fühle, ob es etwas wert ist, wiederveröffentlicht zu werden“, sagt er. Snobismus ist das keinesfalls. Kirmayer betreibt Tramp Records von einem Wohnzimmer-Büro im Haus seiner verstorbenen Großeltern aus. In diesem Anwesen lebt er mittlerweile mit Freundin Julia. Und als Erfolg bezeichnet er, dass er von seiner Leidenschaft leben kann. „Reich wird man davon zwar nicht, aber glücklich!“
Tramp Records:
Die Platten des oberbayerischen Labels gibt es im Internet (tramprecords.de) und bei Optimal Records an der Münchner Kolosseumstraße 6 oder bei Ludwig Beck am Marienplatz.