Das Debüt von Titus Engel an der Bayerischen Staatsoper war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Spätestens, nachdem der Schweizer 2020 bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zum „Dirigenten des Jahres“ gekürt worden war – er teilte sich den Titel mit Ex-Generalmusikdirektor Kirill Petrenko. Logisch, dass da auch die neue Intendanz an der Maximilianstraße hellhörig wurde und Engel für 2022 eine der drei Opern aus der Feder von Georg Friedrich Haas anvertraute, mit denen das neue Festival „Ja, Mai“ starten wird.
Kennenlernen konnte man den 47-Jährigen bereits kürzlich bei der Premiere der „Giuditta“, die er kurzfristig übernommen hatte. Auch dies kein alltägliches Projekt, Lehár zählt an der Staatsoper nicht unbedingt zu den Säulen des Repertoires. Wobei die Produktion von Christoph Marthaler erwartungsgemäß nur wenige Operettenklischees bediente. Eine Gelegenheit, die Engel sich nicht entgehen lassen wollte.
„Ich wusste sehr gut, worauf ich mich einlasse, weil ich mit Marthaler bereits bei der Ruhrtriennale ein Projekt mit Musik von Charles Ives realisiert hatte“, berichtet Engel. „Und er hat mir gesagt, dass er sich wahnsinnig freuen würde, wenn ich das jetzt wieder mit ihm machen würde. Weil er jemanden braucht, der Lust und Mut hat, eine neue Art von Musiktheater mitzugestalten.“
Besonderen Reiz hatte für Engel bei „Giuditta“ vor allem die Einbindung Lehárs in einen musikalischen Kontext mit Schönberg, Korngold und anderen Zeitgenossen des Komponisten. Weg vom Schubladen-Denken, das Engel auch sonst vermeidet. Und selbst wenn die Pandemie dem Kulturbetrieb einen erheblichen Schaden zugefügt hat, sieht er in den kreativen Formaten, mit denen sich die Branche gegen diverse Lockdowns stemmte, dennoch auch eine Chance für einen Neustart. „Ich glaube schon, dass das Publikum neugieriger geworden ist und durch offene Formen und neue experimentelle Projekte ein bisschen die Angst vor dem Zeitgenössischen genommen wurde. Das bleibt hoffentlich auch nach der Krise so.“
Eine behutsame Neuausrichtung ist für Engel unumgänglich, wenn Oper und Konzert ihre Relevanz, aber auch ihre Anziehungskraft nicht verlieren wollen. „Die Klassiker waren schließlich auch einmal Neue Musik. Als die uraufgeführt wurden, gab es teilweise Da Capos von ganzen Sätzen. Da wurde zwischendurch applaudiert oder gebuht. Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Oper und das Konzert wieder zu einem Debattierort werden, an dem man emotional mitgeht und nicht nur andächtig der heiligen Musik zuhört.“
Entscheidend ist für den Dirigenten dabei aber auch die richtige Mischung, die ihm trotz seinem Ruf als Mann fürs Spezielle im Terminkalender bislang gut gelingt. So wird es neben zeitgenössischen Projekten mit seiner Basel Sinfonietta einen historisch informierten Brahms-Zyklus bei den Tiroler Festspielen geben.
Ganz in Engels Sinne ist daher auch die Münchner Haas-Premiere im Mai. Alle drei Opern des 68-jährigen Komponisten will man mit Werken von Claudio Monteverdi verknüpfen. „Ich denke, es wird eine sehr intensive Erfahrung, die Opern zusammen zu hören, weil alle drei sehr unterschiedlich sind“, sagt Engel. „Haas hat eine ganz eigene Art von Harmonik entwickelt, die sehr schön und rund klingen kann, aber auch etwas Fremdes hat. Die serielle Musik, die sich aus der Zwölftonmusik entwickelt hat, ist für den Zuhörer oft sehr abstrakt. Aber bei Haas geht wirklich eine ganz neue harmonische Welt auf.“
Das Interessante an der Arbeit mit lebenden Komponisten wie Haas ist für Engel gerade das Theaterpraktische. „Da gibt es bei jeder Uraufführung Änderungen während der Proben. Die gehen manchmal von mir aus, aber oft vom Komponisten, weil das, was man aufschreibt, eben doch etwas anderes ist als das, was man dann live hört.“ Dies helfe einem als Dirigent, auch die älteren Partituren nicht für sakrosankt zu erklären. „Bei einem Shakespeare würde ja heute auch niemand erwarten, dass der Text eins zu eins gespielt wird. Was jetzt nicht heißt, dass man willkürlich alles schreddern soll. Aber einen gewissen Mut würde ich mir manchmal schon wünschen.“