John McLaughlin ist bestens gelaunt. Vor seinem heutigen 80. Geburtstag erfreut sich der britische Jazzgitarrist guter Gesundheit und sprüht vor Begeisterung. Permanent arbeitet er an neuer Musik. „Ich weiß, was ich gestern gemacht habe, aber das war gestern, heute ist neu“, sagt McLaughlin im Zoom-Gespräch. „Ich finde jeden Tag etwas Neues, denn die Gegenwart ist voller Möglichkeiten. Es ist wunderbar.“
Als Elfjähriger entdeckte McLaughlin die Gitarre für sich. Seitdem sei kaum ein Tag vergangen, an dem er sie nicht gespielt habe. „Ich liebe das Instrument heute noch genauso wie damals“, sagt er. „Wenn ich Gitarre spiele, ist es in gewisser Weise Arbeit, aber für mich ist es keine Arbeit, weil ich allein durchs Spielen ungeheure Freude und Befriedigung verspüre.“
Auf seinen Ehrentag blickt der im englischen Doncaster geborene Musikveteran, der aus seiner Wahlheimat Monaco zugeschaltet ist, gelassen: „Ich fühle mich sehr gut. Ich hab’ wirklich extrem Glück, dass ich so gesund bin. Ich glaube, das liegt in der Familie.“ Er ist das jüngste von fünf Geschwistern. Sein zehn Jahre älterer Bruder fahre immer noch täglich Fahrrad und sei bei klarem Verstand. McLaughlins eigenes Fitnessrezept ist tägliche Meditation und Yoga.
1969 zog er nach New York, wo er neben Organist Larry Young eines der Gründungsmitglieder von The Tony Williams Lifetime war. Die Band um den gleichnamigen Jazz-Schlagzeuger zählt zu den Wegbereitern des Fusion. Doch noch bevor das Trio seine erste Platte aufnahm, rekrutierte Star-Trompeter Miles Davis den jungen McLaughlin für sein wegweisendes Album „In a silent Way“. Als Teenager hatte McLaughlin für Davis geschwärmt. Mit Mitte 20 stand er mit ihm im Studio. „Das war wie ein Traum, der wahr wurde“, erinnert er sich. „Miles hatte mich noch nie spielen gehört, aber tags drauf war ich mit Tony bei ihm zu Hause und er sagte: ,Wir nehmen morgen auf, also bring deine Gitarre mit.‘ Das war ein großer Schock.“ McLaughlin bestand die Feuertaufe, und die Jazz-Ikone wurde zu seinem Mentor. „Ich war erstaunt, wie Miles mich dazu brachte, auf eine Art zu spielen, auf die ich selbst nie gekommen wäre“, sagt McLaughlin, der auch auf Davis’ Nachfolge-Alben zu hören ist. Der Trompeter war so begeistert von ihm, dass er einen Song nach dem Gitarristen benannte. Track vier auf „Bitches Brew“ heißt schlicht „John McLaughlin“.
Davis war es auch, der McLaughlin riet, eine eigene Band zu gründen. So formierte er 1971 das Mahavishnu Orchestra, eine der bedeutendsten Fusion- und Jazzrock-Gruppen, die jedoch nicht lange zusammenblieb. „Das Problem war, dass wir zu schnell zu viel Erfolg hatten.“ Egos und verschiedene Lebensweisen hätten zur Trennung beigetragen. „Sex, Drugs und Rock’n’Roll war nichts für mich. Ich hab im Hotel Salat gegessen, meditiert und geschlafen, während die anderen losgezogen sind. Vielleicht fanden sie mich etwas unsozial, weil ich keine Lust dazu hatte.“
Zum Geburtstag wird sich McLaughlin ein Gläschen gönnen. Er plant eine Party. „Wenn es Corona erlaubt“, sagt er. Wegen der Pandemie musste er viele Konzerte absagen. Doch 2022 will er wieder auf der Bühne stehen. Im März sind auch Konzerte in Deutschland geplant. „Ich hoffe es“, sagt McLaughlin. „Ich klopfe auf Holz.“