Philosoph der kleinen Dinge

von Redaktion

Paolo Conte feiert an diesem Donnerstag seinen 85. Geburtstag

VON ZORAN GOJIC

Als die Italiener in der ersten Corona-Isolationshaft in Depression zu versinken drohten, rissen sie ihre Balkontüren auf und sangen ihre Hymne. Also nicht das offizielle „Fratelli d’Italia“, sondern die Hymne der Herzen, das heimliche Kennlied der Italiener, „Azzurro“. Geschrieben hat diese Ode an die Sehnsucht 1968 Paolo Conte, seinerzeit noch praktizierender Rechtsanwalt, für Adriano Celentano. Conte misstraut da noch seinem brummigen Bariton und sieht sich eher als Hobby-Komponist, der für andere schreibt und ansonsten sehr gerne Jurist ist.

Es dauert ein paar Jahre, Conte geht da schon auf die 40 zu, bis er sich doch noch dazu entschließt, Profimusiker zu werden und unter eigenem Namen Platten zu veröffentlichen. Die Tantiemen für „Azzurro“ haben ihm schließlich gezeigt, dass man auch als Künstler seinen Lebensunterhalt bestreiten kann – und natürlich möchte er wissen, ob er mit seinen Liedern selbst Erfolg haben kann. Er hat.

Conte wird der führende „Cantautor“, also singender Dichter des Landes. Neben der stilistischen Vielseitigkeit des musikalischen Chamäleons trägt sein Talent für schnoddrig bewegende Zeilen, die oft rein assoziativ funktionieren, zum Erfolg bei. Im Grunde ist das nicht vernünftig zu übersetzen, so wie etwa bei „Genova per noi“, seinem erklärten Lieblingslied. Rote Beine, die ein Traum sind, kommen da vor, Affen aus Licht und dergleichen mehr. Wenn Conte das singt, ergibt das alles Sinn, wörtlich übertragen bleiben Sätze, die ratlos machen. Conte wandelt mit traumhafter Sicherheit zwischen Nostalgie, Ironie und Ernsthaftigkeit, ohne aus der Spur zu geraten. Altes Italien eben. Man nimmt die Arbeit ernst, genießt das Leben und leidet ein wenig an den Umständen, aber in Maßen – es gibt dann doch auch Wichtigeres, Schöneres zu tun.

Conte kleidet dieses Lebensgefühl so samtig in Worte und Töne wie nur wenige andere, und er trägt es unprätentiös mit knarzender Stimme vor, das macht ihn so glaubwürdig und so besonders. Dass der Jazz-Enthusiast ohne Skrupel auch mal das trötende Kazoo einsetzt oder in folkloristischen Weisen strawanzt, sorgt für den Charme des Unberechenbaren. In eine musikalische Familie von Freigeistern geboren, entdeckt Conte schon als Kind die Leidenschaft für den Swing, sein erstes Instrument ist die Posaune. Später wechselt er, wie Vater, Mutter und Bruder es vormachen, ans Klavier.

Ein Leben lang bleibt er seiner Heimatstadt Asti im Norden Italiens treu. Dort lebt er heute noch. Ihm gefalle die Ruhe der Provinz, sagt Conte und lehnt ansonsten ebenso freundlich wie entschieden die Rolle des Italien-Erklärers ab. Er habe von Politik und Wirtschaft nicht so furchtbar viel Ahnung, behauptet er gerne und gibt sich auch sonst unangreifbar. Conte lebt in seinen Liedern, die in Italien Gemeingut geworden sind, und bleibt auch darin oft rätselhaft zwischen Andeutungen und suggestiver Lyrik. Ein Dandy, der sich emotional eher dem 20. Jahrhundert verbunden fühlt als der Gegenwart und selbstredend mit Smartphones oder Sozialen Netzwerken nicht das Geringste anzufangen weiß. Contes Welt ist analog, das Leben ist Begegnung, deswegen ist er bis zum Ausbruch der Pandemie ununterbrochen auf Konzertreisen.

Ob er es goutiert oder ob es ihn nervt, wenn er weltweit immer wieder „Via con me“ anstimmen muss, eine launige Spielerei, aber eben auch sein größter Hit, das weiß niemand. Aber das passt wunderbar zu ihm und seiner Aura des geheimnisvollen Alterspräsidenten des mediterranen Lebensgefühls. Am Dreikönigstag feiert der große Nuschler, Philosoph der kleinen Dinge und unergründliche Melancholiker seinen 85. Geburtstag.

Später Entschluss zur Karriere als Profimusiker

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