Eigentlich hieß er Alfons. Doch wer wie er von seinen Streifzügen durch das in Trümmern liegende Nachkriegsdeutschland jedes Mal mit vollen Taschen zurückkam – darin Kaugummi, Schokolade, einmal eine ganze Kiste voller Nazi-Mutterkreuze –, der hat sich den Spitznamen Ali verdient. Angelehnt an den mutigen Ali Baba aus „Tausendundeinenacht“. Eine 40-köpfige Räuberbande soll der bekanntlich bezwungen haben und so in den Besitz des Räuber-Schatzes gelangt sein. Auch Alfons „Ali“ Mitgutsch erarbeitete sich in seiner tristen Kindheit eine Kostbarkeit; wertvoller noch als Silber und Gold. Sein Schatz: die Fähigkeit, sich eine eigene Welt zu erschaffen. Mit Pinsel, Farben und schier unbegrenzter Fantasie. Mitgutsch erfand die weltberühmten Wimmelbücher. Millionen Kinder sind damit aufgewachsen. Und Millionen wird diese Nachricht traurig stimmen: Der Münchner Künstler ist mit 86 Jahren verstorben.
„Ich male keine heile Welt“, sagte er anlässlich seines 75. Geburtstages im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich male eine, die man zum Positiven verändern kann.“ Es stimmt. Wer die großen Bücher, die seit der Veröffentlichung des ersten Bandes, „Rundherum in meiner Stadt“, im Jahr 1968 nicht aus dem Handel genommen wurden, durchschaut, der sieht da nicht nur eitel Sonnenschein. Da werfen Buben einander ins Wasser und spielen sich auch sonst allerlei Streiche; da droht ein Vogel, einen Luftballon kaputt zu piksen und rammt ein Ziegenbock einen Zoobesucher in den Po. Und bei dem Blick in eine Schneelandschaft sieht man nicht nur ein Menschlein unschön auf der Nase liegen. Das glitzernde Weiß, so lernen wir im „Winter Wimmelbuch“, kann ganz schön wehtun.
Wie auch das Leben selbst nicht immer ein Zuckerschlecken ist. Mitgutsch hat’s ja selbst erlebt. Damals, im Allgäu, wohin die Familie floh, nachdem München bombardiert worden war. Am 21. August 1935 war der kleine Alfons in der Schraudolphstraße in Schwabing geboren worden. Doch hatte es immer schwer mit den anderen Kindern. In der Schule dann noch dazu mit einem sadistischen Lehrer. Der prügelte und demütigte den Buben. Freunde? Fehlanzeige. „Ich hatte keine Freunde“, sagte er im Geburtstagsinterview. „Also habe ich sie mir selber erfunden: einen dicken, großen, starken, der mir half, und einen kleineren, frecheren, schlaueren, der mir immer die besten Ausreden zuflüsterte. Mit denen habe ich so meine Abenteuer erlebt.“
Wir finden sie in seinen Bildern wieder, den Dicken, Großen, Starken und den Kleinen, Frechen, Schlauen. Das ist das Besondere an Mitgutschs berühmtesten Büchern – neben den Wimmel-Werken hat er ja noch andere veröffentlicht – sie kommen ohne Worte aus. Und erzählen doch Geschichten, die für mehr als Tausend und eine Nacht reichen würden. Dass sie unheimlich beliebt waren, davon zeugen die ausgeribbelten Ränder der eigentlich so massiven Pappseiten. Wie häufig hat man doch als Kind darin geblättert. Und wie viel Freude macht es heute, mit einem Zwergerl das Gewimmel ganz neu zu erforschen. Mit großen Augen sitzen die Kleinen davor – und kaum ist das Buch aufgeschlagen, geht es los mit dem ausgestreckten Zeigefinger und dem immer gleichen Wort: „Da!“ So wird das faszinierte Kindlein 30 Jahre später vielleicht im Museum stehen, vor einem Gemälde von Hieronymus Bosch (1450-1516) oder Pieter Brueghel d. Ä. (1525/1530-1569). Auch da wimmelt es. Unverkennbar: Die niederländischen Maler waren Inspiration für den Münchner. „Ich wollte mich schon immer in ein Bild hineinlegen können“, erzählte Mitgutsch. Es ist ihm geglückt. Bücher wie ein Schaumbad. Nehmen Sie Ihre Kinder – und tauchen Sie ab!