Frühwerk ohne Frust

von Redaktion

David Bowie spielte anno 2000 „Toy“ ein – jetzt erscheint die Platte

VON JOHANNES LÖHR

David Bowies Frühwerk hat Generationen von Fans frustriert. Denn die Songs, die er in den Jahren 1966 bis 1968 unter anderem für Decca aufnahm, wurden immer dann rausgekramt und wiederveröffentlicht, wenn er Erfolg hatte – also regelmäßig ab 1972. Vorne auf den Plattencovern prangte dann ein aktuelles Foto, und die Liebhaber des Stars griffen gierig zu. Die Musik freilich war alter, recht braver Sechzigerjahre-Pop.

Jetzt allerdings kommt mit dem Album „Toy“ eine interessante Variante dieser Wiederverwertung auf den Markt. Denn Bowie selbst nahm sich im Jahr 2000 sein altes Material aus den Jahren 1964 bis 1971 zur Brust. Mit seiner aktuellen Band haute er im Studio Dutzende der alten Songs live raus. Die besten wollte er so schnell wie möglich veröffentlichen – ein Ansatz, mit dem er seiner Zeit wieder mal voraus war. Zu weit, wie sich herausstellte: Die Plattenindustrie wusste noch nicht, mit dem Umsonst-Medium Internet umzugehen. Das Konzept eines „Überraschungsalbums“ stieß auf taube Ohren, das Label schob die „Toy“-Bänder ins Regal.

Seit Bowies Tod am 10. Januar 2016 hat sich einiges geändert. Von einem „schnellen“ Album spricht keiner mehr. „Toy“ wird als Spektakel vermarktet, nicht als Spielerei (was der Titel ja eigentlich nahelegt). In der Version der „Toy Box“ mit vielen Alternativ-Versionen umfasst das Album drei CDs beziehungsweise – als Gipfel des Vinyl-Booms – sechs Zehn-Zoll-LPs (das Format alter Schellacks).

Wer nun aber eine Offenbarung erwartet, wird milde enttäuscht sein. Denn es sind immer noch die alten Songs, nur in zeitgenössischem Gewand. Das führt zu gemischten Ergebnissen. Bowie und seine Band harmonieren prächtig, die Produktion klingt aber nach kantenlosem Formatradio. Das funktioniert etwa bei „London Boys“, führt bei Songs wie „You’ve got a Habit of Leaving“ aber dazu, dass man sich die Kunststudentenspinnereien der swingenden Sechziger zurückwünscht. Bezeichnenderweise sind es bislang unveröffentlichte Lieder, die beeindrucken: „Shadow Man“, eine Selbstbespiegelung zu Streichern und Klavier, die noch aus den Ziggy-Stardust-Zeiten stammt. Und das neu geschriebene „Toy (Your Turn to Drive)“, das man sich bestens zur sommerlichen Cabriofahrt vorstellen kann. Besonders lohnenswert ist darüber hinaus die dritte CD, „Unplugged & somewhat slightly electric“. Hier finden Fans unter anderem Bowies bestes frühes Lied, „In the Heat of the Morning“.

„Toy“ ist vor allem eines: der keineswegs verunglückte Versuch eines Künstlers, sich seines Frühwerks zu bemächtigen. Nach seinem Tod tun das wieder andere. Wie das Blatt „Variety“ berichtet, hat Warner Chappell Music die Rechte an Bowies Katalog für gut 250 Millionen Dollar erworben. Wir dürfen uns also noch auf viele Neuverpackungen der alten Lieder freuen.

David Bowie:

„Toy“ (Warner).

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