„O all die falschen Fressen. Wie die sich alle anmaulen.“ Und 116 Seiten beziehungsweise ein Jahr und zwei Wochen später: „Wie konnte ich nur so viele Jahrzehnte lang ertragen, selbst ein Schauspieler zu sein.“ Zwei Zitate aus Manfred Krugs soeben erschienenen Tagebüchern 1996 bis 1997, „Ich sammle mein Leben zusammen“.
Drastisch, ehrlich, selbstbewusst, knallhart und rigoros, wie man gemeinhin den ganzen Krug (1937-2016) glaubt zu kennen. Aber er ist ja viel mehr: klug, ehrlich und kreativ, fähig auch, sich selbst infrage zu stellen („Bin ich nun ein Querulant?“). Er treibt Drehbuchautoren und Werbeagenturen mit seinen Änderungsbefehlen und Verbesserungen in den Wahnsinn und ist ein überaus zärtlicher Mann, der als 60-Jähriger heftig verliebt ist in seine gerade geborene, außereheliche Tochter.
So jedenfalls erscheint uns Manfred Krug in diesen privaten Aufzeichnungen. Halt, so gänzlich privat sind sie aber vielleicht doch nicht, denn er selbst hat während des Schreibens eine spätere Veröffentlichung in Betracht gezogen. Nächsten Dienstag, am 8. Februar, wäre Krug 85 Jahre alt geworden; da kommt also dieser erste Band der Tagebücher gerade recht.
Darin steht eigentlich alles, Wichtiges und weniger Wichtiges ungeordnet nebeneinander: das verheimlichte Liebesverhältnis mit einer 25 Jahre jüngeren TV-Kleindarstellerin und das zweite, parallel stattfindende Familienleben mit ihr und dem Kleinkind in der direkt gegenüberliegenden Wohnung der Krugs; die zufällige Entdeckung der Sachlage durch Ehefrau Ottilie; die Einschaltquoten des ARD-„Tatorts“ mit dem Titel „Ausgespielt“ 1997; die eigenen Kochkünste (Sauerkraut, Kartoffeln und Blutwurst) – und jene weit größeren seiner „guten alten Liebe“ Otti (geschmorter Ochsenschwanz); die Trauer und Tränen über den Tod seines besten Freundes, des Schriftstellers Jurek Becker; die Einladungen bei den Schamonis, wo Krug auf mehr oder weniger wichtige Prominenz trifft und sich langweilt; die sonntäglichen Besuche der Berliner Flohmärkte, von denen er alles Mögliche und Unmögliche mit nach Hause bringt; das Abkanzeln der Schauspielerkollegen, die er sich meist nachts in alten Defa-Filmen oder dem einen oder anderen „Tatort“ anschaut: „Da kann Uli Mühe mal sehen, wie schwer Trivialkunst ist.“
Und das alles zu einer Zeit, als Manfred Krug mit seinem Buch „Abgehauen“ einen sensationellen Erfolg einfährt. Es war entstanden aus dem 20 Jahre zurückliegenden, heimlich getätigten Mitschnitt einer Diskussion der Ostberliner Kulturelite von Schauspielern, Schriftstellern und SED-Politikern in seiner Niederschönhausener Villa nach der Ausweisung Wolf Biermanns aus der DDR. Dazu Krugs schriftliche Notizen von dem Tag an, da er seinen Ausreiseantrag von Ost nach West gestellt hatte, bis zur Übersiedlung mit Frau, Kindern, Antiquitäten, Oldtimern und vielen Kostbarkeiten mehr.
Das Buch verkaufte sich bis heute mehr als 150 000 Mal. Die Kollegen Schriftsteller schwiegen dazu, neidisch die meisten, vermutet Krug. Der Erlös aus dem Verkauf geht an offiziell nie entschädigte polnische Frauen, die das KZ Ravensbrück überlebt haben, verstümmelt allerdings durch grausame medizinische Versuche à la Mengele.
In die Tagebuch-Zeit 1996/97 fällt auch die große, schwerwiegende Zäsur im Leben des Schauspielers, Jazzsängers und Schriftstellers Manfred Krug: ein Schlaganfall. Die Aufzeichnungen dazu nimmt er nachträglich vor, als er wieder schreiben, sprechen, gehen, singen kann. Beide Frauen und die kleine Tochter treffen sich erstmals am Charité-Bett des Patienten.
Was macht dieses an sich kunstlose Buch so anziehend? Indem wir hier dem einst sehr berühmten wie auch beliebten Manfred Krug in seinem privatesten Bereich begegnen, seinem Witz, seiner Ironie, seiner Verachtung, seiner Liebe zu Frauen, Kindern und Tradition (mit welcher Leidenschaft er den großen Weihnachtsbaum schmückt!) und schließlich in seiner grenzenlosen uneitlen Eitelkeit, fühlen wir uns darin bestätigt, dass dieser Mann schon immer ein grandioser, außergewöhnlicher Künstler war – seinen Zuschauern, Zuhörern und Lesern ganz nah.
Manfred Krug:
„Ich sammle mein Leben zusammen. Tagebücher 1996-1997“. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Krista Maria Schädlich. Kanon, Berlin, 208 Seiten; 22 Euro.