Die Wogen um den Wechsel in der Chefetage des Deutschen Theaters haben sich geglättet (wir berichteten), und so kann sich der Blick endlich wieder auf die Bühnenkunst des Hauses an der Schwanthalerstraße richten. Und der lohnt: Dort wird es morgen düster, tiefsinnig, ziemlich sexy und vor allem mörderisch – „Jekyll & Hyde“ hat München-Premiere! Auf der Novelle von 1886 des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson beruhend, feierte das Musical von Komponist Frank Wildhorn und Autor Ann Leslie Bricusse 1990 in den USA die Uraufführung und später am Broadway Riesenerfolge. Musikalisch auf Wunsch des Komponisten von Marc Seitz, der hier erstmals als musikalischer Leiter fungiert, gründlich entstaubt (siehe Kasten), soll die wohl berühmteste gespaltene Persönlichkeit der Literaturgeschichte dem Publikum Unterhaltung, aber auch Gänsehaut bescheren. Wir sprachen mit Regisseur Andreas Gergen.
Wie bringen Sie das Grauen auf die Bühne?
Dazu bedurfte es nur eines Blickes in die Abgründe der menschlichen Psyche. Die Novelle als Vorlage zum Musical stammt aus der Zeit des ausgehenden viktorianischen Zeitalters, als sich Wissenschaftler und Autoren mit den Themen Psychologie und Sexualität befassten. Unsere Geschichte geht nun von einer Droge aus, die das Böse vom Guten im Menschen isoliert. Wir zeigen, was passieren kann, wenn ein Mensch frei von gesellschaftlichen Regeln ungehemmt seinen Trieben nachgeht. Dabei bedienen wir uns der Theorie von Sigmund Freud des Ichs, Über-Ichs und Es. Der Mensch steht als Ich zwischen den Polen Über-Ich, also den gesellschaftlichen Normen, und Es, den inneren Trieben. Edward Hyde lebt hemmungs- und rücksichtslos sein Es aus.
Bei der Erschaffung von Hyde spielt die Sexualität eine große Rolle.
Ja, beim ersten Treffen mit der Prostituierten Lucy ist Henry Jekyll noch schüchtern und verklemmt. Nach Einnahme der Droge lebt er als Hyde seine innersten sexuellen Bedürfnisse mit ihr aus.
Was war Ihnen beim Erzählen wichtig?
Die Beschäftigung mit dieser Geschichte war ein gefundenes Fressen für mich als Regisseur. Es war mir wichtig, dass sich jeder im Zuschauerraum in der Rolle des Hyde wiederfinden kann – auch bei den drastischen Morden etwa in der Nervenheilanstalt. Der Zuschauer soll sich ertappen, wie er Spaß am Erfindungsreichtum des Mörders Hyde hat. Keine leichte Kost, aber es ist ja auch keine einfache, belanglose Geschichte. Daneben gibt es große Emotionen sowie eine enttäuschte und eine neue Liebe.
Die Musicalversion von 1990 wurde gründlich überarbeitet. Können Sie beschreiben, was die Zuschauer nun erwartet?
Bei „Jekyll & Hyde“ in München handelt es sich um die Merziger Fassung, die dort im vergangenen Sommer unter Corona-Regeln für die Freiluftarena erarbeitet wurde. Das heißt, wir spielen ohne Pause, haben die Dialoge größtenteils gestrichen und transportieren die Handlung mit den Songs und musikalischen Nummern innerhalb von einer Stunde und 45 Minuten. Und das funktioniert erstaunlich gut!
Wie schaut es mit Bühnenbild und Kostümen aus?
Ich habe mit meinem Team versucht, auf jeglichen Operetten-Ausstattungs-Kitsch zu verzichten und eine klare Schauspiel-Ästhetik zu etablieren. Das Bühnenbild besteht aus einer riesigen LED-Wand, die auf zwei Ebenen begehbar ist. Darauf und davor führt das 13-köpfige Ensemble die Geschichte vor. Das Ensemble ist immer auf der Bühne und sitzt bei Szenen, in denen die einzelnen Darsteller nicht im Einsatz sind, an der Seite. Von dort unterstützen und kommentieren sie gesanglich das Spiel. Eigentlich bedienen wir uns dabei des V-Effektes von Bertolt Brecht. Das bedeutet, wir spielen offensichtlich die Szenen und führen sie wie im „Spiel im Spiel“ vor. Tatsächlich ist „Jekyll & Hyde“ ein Lehrstück über die menschliche Psyche im Stil einer modernen „Dreigroschenoper“.
Inwiefern?
Die Projektionen unterstützen mit realistischen und opulenten Bildern, aber auch assoziativ in psychedelischen Momenten gerade dann, wenn wir zum Blickwinkel Hydes wechseln. Die Kostüme sind schlicht, und Kostümwechsel werden sichtbar auf offener Bühne gezeigt. Die Choreografie unterstützt und rhythmisiert die Dynamik der Geschichte. Ab und an gibt es auch Lacher, die den Zuschauern dann aber im nächsten Moment im Hals stecken bleiben.
Das Gespräch führte Katrin Basaran.
Premiere
ist morgen, 19.30 Uhr; www.deutsches-theater.de.