„Creep“ – das kommt von „kriechen“, „schleichen“ und bedeutet umgangssprachlich „Kriecher“, „Mistkerl“. Gemeint ist also ein höchst unangenehmer Mensch. Und „creepy“ sind auch die zwei Hauptpersonen in Philipp Winklers neuem Roman: Fanni Behrends und Junya Yamamura. Sie sind an die 30 Jahre alt, Fanni lebt in einer deutschen Großstadt, Junya in Tokio. Was beide eint, ist der Umstand, dass sie sich aus der realen Welt verabschiedet haben: Sie leben nur noch im Inter- oder Darknet.
Das Hauptmotiv für diesen radikalen Rückzug verortet Philipp Winkler, Jahrgang 1986, in den Familien der beiden: Fannis Eltern zeigen kein großes Interesse für das Leben ihrer Tochter. Junyas Mutter hält ihren Sohn für einen Versager. Genauso sahen es seine Mitschüler – häufiger hat er deswegen Prügel kassiert.
Sozialpsychologisch gehört Junya in die Gruppe der „Hikikomori“. In Japan gibt es rund 1,6 Millionen Menschen, die sich für Monate oder auch Jahre aus der Gesellschaft zurückziehen und die Wohnung nicht verlassen. Junyas einziger Kommunikationskanal ist sein Computer. Fanni hingegen arbeitet in der Entwicklungsabteilung eines Unternehmens, das Überwachungskameras für den Heimgebrauch anbietet. Sie hat seit ihrer Jugend die dunkle Seite der Welt kennengelernt – über das Internet. In Videos betrachtet sie „abgehackte Köpfe, gepfählte Torsi, offene Wunden, Schreie“. Ihr Fazit ist eindeutig: Die „menschliche Würde“ sei „nichts als reine Illusion“.
„Es ist eine fremde, seltsame Welt“, sagt der junge Jeffrey in David Lynchs Thriller „Blue Velvet“, in dem Brutalität und Sex dominieren. Die Aussage gilt auch für die Welt, von der Winkler in „Creep“ erzählt. Mit einem Unterschied: „Blue Velvet“ aus dem Jahr 1986 kann man sich vielleicht in Programmkinos anschauen, als DVD oder Blu-ray erwerben. Horror und Gewalt sind im Internet dagegen heute leicht zu haben. So beschreibt schon Philipp Winklers hochgelobter Debütroman „Hool“ aus dem Jahr 2018, der in der deutschen Hooligan-Szene spielt, offen Brutalität.
Fanni und Junya sind Außenseiter der Gesellschaft – doch zugleich auch deren Produkt. Die andere Welt – das Inter- und Darknet – bietet zwar einen Fluchtraum, aber keine soziale Nähe. Winklers Antihelden wissen das und suchen nach Auswegen.
Der Roman ist mit seinen vielen Anglizismen, nicht zuletzt aus dem IT-Bereich, den Begriffen aus dem Japanischen und dem konsequenten Gendern nicht immer leicht zu lesen. Man darf „Creep“ in seiner durchdigitalisierten und brutal durchgeknallten Welt als zeitgeistigen Literaturthriller auf hohem Niveau bezeichnen. Mag der Autor manchmal übertreiben – weit hergeholt ist das Erzählte nicht. „Creep“ berichtet zwar von einer fremden, seltsamen Welt. Doch es ist die unsre.
Philipp Winkler:
„Creep“. Aufbau, Berlin,
342 Seiten; 22 Euro.