Alles fließt

von Redaktion

AUSSTELLUNG Staatliche Graphische Sammlung feiert „Venedig. La Serenissima“

VON KATJA KRAFT

Es ist ein beliebtes Motiv in Hollywood-Romanzen: Der bettelarme, doch so sensible Held schaut die ungemein reiche, aber todunglückliche Frau seines Herzens an, beobachtet sie vielleicht im Schlaf – und zeichnet in Minutenschnelle ein Bild von ihr, das sie dahinschmelzen lässt. Zum ersten Mal fühlt sie sich gesehen, wie sie tatsächlich ist. Nicht nur „Titanic“-Passagier Jack Dawson (Leonardo DiCaprio) wusste, welch Zauber Kohle auf Papier innewohnt. Das wussten auch schon die alten Venezianer. Und was haben sie für Wunderwerke mit ihrer Zeichen- und Drucktechnik vollbracht. Die Staatliche Graphische Sammlung feiert Arbeiten aus vier Jahrhunderten von Tintoretto, Tizian und Co. nun in der Schau „Venedig. La Serenissima“.

Man stelle sich vor, besagter Jack Dawson hätte auf der wackeligen Schiffsreise erst umständlich Staffelei und Licht arrangieren müssen, womöglich noch mit Öl herumgekleckert, die Geliebte außerdem gebeten, tagelang für ihn zu posieren – vermutlich hätte dann nicht nur der Eisberg ihre Liebe zum Erkalten gebracht. Zeichnungen entstehen anders als Gemälde aus dem Moment heraus und fangen Stimmungen, Gefühle, Persönlichkeiten ein. Sie sind nicht auf Repräsentanz, sondern auf Wahrhaftigkeit aus.

Paolo Veroneses „Bildnis des Daniele Barbaro (?)“ (um 1560) verdeutlicht das aufs Zärtlichste: Der Porträtierte, der eine große Ähnlichkeit mit dem Wissenschaftler und Politiker Daniele Barbaro (1513–1570) hat, wird nicht in ehrwürdiger Montur dargestellt, auch nicht in herrschaftlicher Pose. Sein Gesicht steht im Zentrum, Kragen und Barett darunter und darüber sind nur angedeutet. Ein sensibler Charakter scheint einem hier entgegenzublicken. Den Zeichner interessierte der Mensch, nicht dessen Funktion.

Kurt Zeitler, Kurator der Ausstellung und stellvertretender Direktor der Graphischen Sammlung, gerät angesichts solcher Werke auch nach den vielen Jahren, die er sich mit der Lagunenstadt und ihren Künstlern beschäftigt, ins Schwärmen. Wie oft er schon in Venedig, der Allerdurchlauchtigsten, gewesen ist? Wer soll das zählen. Doch der Kunsthistoriker erinnert sich noch genau an seine erste Studienreise dorthin und wie er damals einen Vortrag über die venezianischen Paläste hielt. Eine Liebe, die nicht endet.

Was das Alleinstellungsmerkmal der venezianischen Künstler ist? „Das Verbindende, Fließende. Nehmen Sie etwa Tintorettos Porträtkopf des sogenannten Vitellius“, sagt Zeitler und deutet auf die Zeichnung an der Wand im letzten Ausstellungsraum. „Der Kopf setzt sich nicht hart gegen den Hintergrund ab. Es gibt doch diesen Satz: ,Hast du Venedig im Nebel gesehen.‘ Dieses Schleierhafte spiegelt sich in der Kunst wieder.“ Alles fließt.

Und dann natürlich: das Zeremonielle. Venedig als die Stadt der Prozessionen und Feste. Im Eingangsbereich sehen wir Bilder von menschenvollen Plätzen, Leben in der Stadt. „Venedig war eine Metropole, hier konnte man etwas erleben.“ Und wer zu Besuch kam, der erlebte auch die verschiedenen Typen, wie sie Giovanni David (1749-1790) in seiner Serie von zwölf Radierungen festgehalten hat. Mit viel Witz bringt er sie alle zum Leben: die feisten Kunsthändler genauso wie die korrupten Nobili im Hof des Dogenpalasts.

„Das Letzte, was ich brauche, ist ein weiteres Gemälde von mir, auf dem ich aussehe wie eine Porzellanpuppe“, formuliert es Rose (Kate Winslet) in „Titanic“. Genau darin liegt das Geheimnis auch der Zeichnungen dieser Ausstellung. Statt Gefälligkeiten finden sich hier mitunter bissige Kommentare des Zeitgeschehens. Um sie zu entdecken, empfiehlt sich die Kuratorenführung (24. Februar und 3. März) sowie der aufwendige Katalog. Was man auch ganz allein entdeckt: die vielen künstlerischen Liebeserklärungen an die große Schönheit auf dem Wasser. Zeit nehmen und abtauchen.

Bis 8. Mai 2022,

Staatliche Graphische Sammlung, Barer Straße 40, Di.-So. 10-18, Do. bis 20 Uhr; Telefon: 089/ 28 92 76 50.

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