Fahrkarte in die Freiheit

von Redaktion

ARD-Dokumentation über 50 Jahre Interrail – unsere Redakteure erinnern sich

VON ASTRID KISTNER

Zugausfälle, Verspätungen, fehlende Durchsagen – es gibt nicht wenig, über das man sich als Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel beschweren könnte. Für eine Erfindung aber gebührt der Deutschen Bahn ewige Dankbarkeit: das Interrail-Ticket. Die Idee, einen Monat lang mit dem Zug durch 21 Länder fahren zu können – egal wohin, egal wie weit, wurde vor 50 Jahren geboren. Eltern bereitete das Interrail-Ticket schlaflose Nächte, für Generationen von Jugendlichen aber wurde es zur Fahrkarte in die Freiheit. „Die beste Reise meines Lebens“ ist der Titel einer wunderbaren Dokumentation, die das Erste am Montag um 23.35 Uhr im Spätprogramm versteckt.

Glücklicherweise gibt’s die Erinnerungen ehemaliger Interrailer aber ab sofort auch in der ARD-Mediathek. Wer selbst stolzer Besitzer eines 450-Mark-Tickets war (so viel kostete es die Autorin dieser Zeilen im Jahr 1989), bekommt beim Film von Hauke Wendler garantiert nostalgische Gefühle. Nur das Abenteuer war größer als die Rucksäcke, die quer durch Europa geschleppt wurden. „Isomatte, Schlafsack und haufenweise Tütensuppen hatten wir dabei“, erinnert sich Michael Achilles im Film. Der Heilpraktiker aus Oberammergau war gerade mal 15 Jahre alt, als er mit zwei Freunden Richtung Frankreich, Spanien, Portugal und Großbritannien aufbrach. Schlaflose Nächte am Strand, skurrile Begegnungen, Gastfreundschaft und immer ein schmales Budget – „bis heute zehre ich von diesen Erlebnissen“.

Das DDR-Pendant zu Interrail hieß Jugendtourist, wurde von der FDJ organisiert und war nicht halb so wild. „Trotzdem war es ein Schnellkurs im Erwachsenwerden“, sagt Robert Conrad. Die Erfahrungen, die sich auf diesen Touren ohne Eltern sammeln ließen, sie sind bis heute unbezahlbar. Und erst in der Rückschau wird einem klar, wie viel Überwindung es sie gekostet haben muss, uns Kinder ziehen zu lassen. In der Hoffnung, dass man sich in vier Wochen doch mal aus einer Telefonzelle melden würde. Abenteuer statt all-inclusive, Wein im Tetrapack statt WLAN – unsere Kollegen erinnern sich:

In die schönste Stadt der Welt

„Portugal war gesetzt. Nicht nur in einem Sommer. Weil, so finde ich (fast) jetzt noch, Lissabon die schönste Stadt der Welt ist. Und am billigsten ging das eben nur mit Interrail. Zwei Nächte im Zug pennen, erst auf der Route nach Paris, dann in den Süden, in meinem Fall auch noch am Boden zwischen den Sitzbänken, das optimierte das studentische Sparprogramm zusätzlich.

Und irgendwann kapierte unsere Kleingruppe auch, dass in Irun, an der französisch-spanischen Grenze, der Zug gewechselt werden musste. Andere Spurweite, umsteigen in einen Wagen, der seit Stunden bei weit über 30 Grad in der Sonne stand. Deos versagten, die Stimmung stieg.

Einer unserer Freunde durfte die Strecke dank Mami und Papi fliegen. Der Loser.“

Markus Thiel (56)

Kulturressort

Fürs Leben gelernt

„Meine Mutter weinte, als ich im August 1989 in den Nachtzug nach Paris stieg. Noch nie hatte ich, eine tadellos angepasste 16-Jährige, so für eine Sache gekämpft wie für mein Interrail-Ticket. Es war mir unbegreiflich, warum man sich wegen vier Wochen Rucksackurlaub in Südeuropa so viel streiten muss – wo ich doch gefühlt schon erwachsen war! Heute bin ich fast so alt wie das Interrail-Ticket und voller Bewunderung für die Gelassenheit meiner Eltern. Sie haben meine Abenteuerlust mit schlaflosen Nächten bezahlt. Und ich habe fürs Leben gelernt: Man kann sich mühelos vier Wochen von Weißbrot, Tomaten und Schmelzkäse ernähren; 80-jährige Portugiesinnen, die an Bushaltestellen lauern, haben die saubersten Privatzimmer – und Obdachlose am Bahnhof von Salamanca immer einen Flaschenöffner.“

Astrid Kistner (49)

TV-Ressort

Abenteuer ohne Eltern

„Was kostet die Welt? Heute will ich das gar nicht mehr wissen, Ende der 1980er-Jahre war die Antwort: 1000 Mark. 400 fürs Ticket, 600 für vier Wochen Verpflegung. Wir Teenager bekamen dafür eine ungeahnte Freiheit, in die wir mit einem fast schon zwanghaften Ritual starteten: Erstes Ziel war Paris, dort konnten wir in der Turnhalle der Unterhachinger Partnerstadt Le Vésinet schlafen. Ein paar Tage später ging es weiter: Spanien und Portugal oder Griechenland, manchmal beides. Die Eltern erfuhren erst bei der Heimkehr von unseren Abenteuern (oder auch nicht), beim Abschied hatten wir ihnen zugerufen: Wenn ihr nichts von uns hört, ist alles in Ordnung.“

Klaus Heydenreich (49)

Panorama-Ressort

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