Am Kipppunkt

von Redaktion

Der russische Autor Vladimir Sorokin legt seinen Erzählband vor

VON MICHAEL SCHLEICHER

Ein Zufall, natürlich, dass dieses Buch jetzt erscheint. Doch zeigt auch „Die rote Pyramide“ einmal mehr und sehr eindrucksvoll, was Literatur zu leisten imstande ist. Im besten Fall untersucht sie mit den Mitteln der Kunst, losgelöst von Tagesaktualität und Nachrichtenlage, wie wir leben. Wie wurde, was ist. Auch deshalb lohnt sich die Lektüre der sprachmächtigen, fantasievollen Werke von Vladimir Sorokin, einem der wichtigsten Autoren der russischen Postmoderne. In vielen seiner Romane und Theaterstücke richtet der 1955 geborene Schriftsteller den Blick auf sein Heimatland, demaskiert Nationalismus und neoimperialistisches Streben.

Das sorgt in Russland immer wieder für deftigen Ärger. Die Putin-Jugend etwa warf seine Bücher bereits in den übergroßen Nachbau einer Toilette, verbrannte sie und zerrte den Autor vor Gericht. Doch wäre es fahrlässig und würde Sorokins Können in keiner Weise gerecht, würde man ihn nur als Provokateur und Analyst der postsowjetischen Gegenwart begreifen. Lediglich einige schwächere Werke wie „Der Tag des Opritschniks“ (2006) sind vor allem politisches Pamphlet.

Dass der Schriftsteller die kurze Form virtuos und lesenswert beherrscht, zeigt der neue Band. Hier sind neun Erzählungen versammelt, die nun erstmals auf Deutsch vorliegen. Der älteste Text entstand 2002, die jüngsten datieren auf das Jahr 2018; die meisten spielen zur Zeit der UdSSR. Jeder einzelne Beitrag ist literarisch und als Gesellschaftsanalyse lohnend zu lesen.

So beginnt etwa die titelgebende Geschichte wie eine hingetupfte, etwas skurrile Liebeständelei zwischen Jura und Natascha – bis es um die „rote Pyramide“ in Moskau geht. Die sei dazu da, um „die innere Ordnung des Menschen“ zu stören, damit „der Mensch aufhört, Mensch zu sein“. Das berichtet ein Mann, der nicht von dieser Welt zu stammen scheint, dem verwirrten Jura. Nach dieser Begegnung lässt Sorokin das kurze Leben des Burschen im Zeitraffer vorüberziehen: Im Moment des Todes schließlich entdeckt und entlarvt auch Jura die rote Pyramide.

Solche Kipppunkte hat der Autor in allen Texten angelegt. Momente der Erkenntnis – für seine Figuren, für seine Leser. In „Der Fingernagel“, einer derben, urkomischen Persiflage auf die Erzähltradition des russischen Realismus, endet das Abendessen in einem Desaster aus Gewalt und Fäkalhumor. Lakonisch dagegen der Ton in „Der Tag der Tschekisten“, in dem ein Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit Folter, Mord und andere Grausamkeiten emotionslos gesteht und auf die wiederkehrende Frage „Schämst du dich nicht?“ ebenso wiederkehrend emotionslos antwortet: „Nein.“

In allen neun Beiträgen arbeitet Sorokin die große ideologische Leere in seiner Heimat heraus – und die verschiedenen Versuche, diese zu füllen: durch Brutalität, Sexualität, Großmannssucht, pervertierte Religiosität, Nostalgie (ach, die pittoresken Schilderungen der Landarbeit in „Das schwarze Pferd mit dem weißen Auge“!) – und durch die schillerndsten Träume. Im für westliche Leser hellsichtigsten Text, „Lila Schwäne“, in dem sich die Atomwaffen des Landes über Nacht in Zucker verwandelt haben, wird Russland als Staat des „als ob“ charakterisiert: „Hier ist alles, als ob“: Ruhe, Freiheit, Gesetze, Parlament, Gerichte, Frieden, Krieg, Heimat, selbst Wodka sei lediglich „als ob“. Echt sei nur der atomare Sprengkopf, nur das Uran. „Wenn auch das noch zum Als-ob wird, dann ist gar nichts mehr da. Nur noch eine große Leere.“ Welch bittere, fürchterliche Erkenntnis.

Vladimir Sorokin:

„Die rote Pyramide“. Aus dem Russischen von Andreas Tretner und Dorothea Trottenberg. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 192 S.; 22 Euro.

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